Wiederaufführung mit erfrischenden Impulsen

Neues Klaviertrio Dresden im Hygienemuseum

Im Rahmen der Konzertreihe »Mensch und Mensch« des KlangNetzes Dresden führten Uta-Maria Lempert (Violine), Matthias Lorenz (Violoncello) und Clemens Hund-Göschel (Klavier) am Donnerstagabend im Hygienemuseum vier Werke für Klaviertrio auf, die in den letzten Jahren für das elole-Klaviertrio (in geänderter Besetzung das Neue Klaviertrio Dresden) entstanden sind. »Darf man das?« untertitelte das Programmheft mit Bezug auf die Stücke und deren Umgang mit dem »Ausgangsmaterial«, »Braucht Dresden ein neues Klaviertrio?« fragte der Innentext.

Biologen kennzeichnen eine »Art« unter anderem an ihrer Fortpflanzungsfähigkeit, die gegeben ist, wenn die Kindergeneration selbst Kinder zeugt. In der Musik ist das ähnlich: Ein neues Werk zu erdenken und aufzuführen (es sozusagen in die Welt zu setzen), kann mit dem Impuls der Initiation erreicht werden. Entscheidend für den Fortbestand ist jedoch, ob es ins Repertoire findet – nicht wenige Kompositionen verschwinden nach der Uraufführung auf Nimmerwiederhören in einer Schublade. Insofern war der Abend also nicht nur eine Retrospektive, sondern sorgte für Nachhaltigkeit in einem Stück der Dresdner Musikgeschichte.

Der 1978 geborene Petr Cígler spürt in seinem »Jagdtrio« von 2015 weniger einem romantischen Sujet nach und persifliert es auch nicht nur. Die »Jagd« der drei Spieler, hier synonyme Individuen, schließt das Belauern und Täuschen mit ein. Stimmung wird erzeugt, Lockpfeifen imitieren Vogelstimmen und gehen vorab reihum wie eine Friedenspfeife. Immer wieder verfälscht Petr Cígler die Originalklänge – das Klavier ist präpariert, der Cellist kratzt unterhalb des Steges über die Saiten, die Violine imitiert ein Alarmsignal. Jeder Ton schien hier vom Trio einzeln geformt und geschliffen, fein herausgearbeitet. Spannungsvoll ergaben sich daraus Melodiesequenzen mit einem gemeinsamen Motiv, bevor die Töne zerbröselten und fragmentierten.

Die Kompositionen von Bernhard Lang (»Monadologie XX ……für Franz«, 2012) und Arturas Bumšteinas (»Concentric Piece #1 [from Salvatore]«, 2009) erschienen gerade im Gegensatz viel minimalistischer bzw. elementarer. Beide gehen von Werken anderer Komponisten aus (Lang: Klaviertrio Es-Dur von Franz Schubert, Bumšteinas: »Anamorfosi« von Salvatore Sciarrino), zitieren diese aber nicht, sondern zerlegen sie in Muster und Partikel, die neu zusammengesetzt werden, wobei sie Algorithmen und Hilfsmittel wie Kompaß und Lineal einsetzen. Das kann etwas monoton wirken (Lang), dennoch hielt das fein aufeinander abgestimmte Neue Klaviertrio Dresden die Spannung. Immer wieder überraschten sie, wenn die drei Instrumente nach scheinbarer Trennung zusammenfanden oder Matthias Lorenz einen Fado-Gesang auf dem Cello anstimmte. Arturas Bumšteinas‘ Klangmuster waren beinahe abstrakt, doch ergoß sich aus zunächst rein musikalischen Wellenbewegungen eines Auf- und Ab plötzlich ein Wogen, als sei die Musik zu tosendem Wasser geworden.

Humorig und treffend hat der 1970 geborene Robin Hoffmann einen Blick in die Vergangenheit geworfen. »2EE – für Erwachsene, mit erheblichen Vorbehalten« von 2015 greift eine (damalige) Wertungsskala des Katholischen Filmdienstes auf und verarbeitet Klassiker aus der Zeit des Rock ’n‘ Roll – rhythmisch prägnant, mit dem Melos der jeweiligen Sänger und dem Cello als Jazz-Baß.

Neunzig Minuten Musik des 21. Jahrhunderts, engagiert und fokussiert gespielt – ja, Dresden kann ein neues Klaviertrio gut brauchen!

24. August 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Am 13. September setz Matthias Lorenz seine Reihe der »Alten Meister – 4. Balance« mit Werken für Cello solo fort (20:00 Uhr, Geh8, Gehestraße 8).

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