Nahe an der Orgel

Pianoforte Fest Meißen schließt französisch

Zum Abschluß des diesjährigen Pianoforte Festes Meißen hatte Initiator Jan Thürmer den französischen Pianisten Michel Dalberto in die Aula des Landesgymnasiums Sankt Afra eingeladen. Früher selbst Preisträger, war Dalberto später Juror und Vorsitzender des Clara-Haskil-Wettbewerbes. Nachdem er sämtliche Klavierwerke Franz Schuberts eingespielt hat, stehen in seinem aktuellen Aufnahmeprojekt die Komponisten Debussy, Franck, Fauré und Ravel im Mittelpunkt. Aus diesem Kosmos schöpfte Michel Dalberto in seinem Rezital am Mittwochabend und gestaltete ein ganz anderes Programm, als man es gewohnt ist, wenn allenfalls einige Images Claude Debussys zwischen andere Werke »gestreut« oder mit ihnen kombiniert werden.

Die irisierenden Farben eines musikalischen Impressionismus allein genügen eben nicht, die vielfältigen Eindrücke und Werke zu beschreiben. César Francks Prélude, Choral et Fugue kann seine Nähe zur Orgel zum Beispiel nicht verleugnen. Michel Dalberto schöpfte diesen Reichtum in jeder Hinsicht aus und scheute sich nicht, dynamisch aufzutrumpfen. Dabei gelangen ihm feine Abstufungen und strukturelle »Betrachtungen«, wie in der abschließenden Fuge, die mit einem eigenen vorgeschobenen Prélude begann, bevor sie Dalberto kontrapunktisch kontrastieren ließ und schließlich orgelmächtig abschloß.

Claude Debussys Bilder sind dieser Macht fern, und doch gelang dem Pianisten der Umstieg bruchlos. »Clair de lune« hatte gleich den Mondschein eingefangen, fast zärtlich liebkoste Dalberto die Tasten des Thürmer-Flügels, um gleich danach in andere Images hinüberzugleiten. Ob ein Quell glitzernden Wassers (»Reflet d dans l’eau«), goldene Fische (»Poissons d‘or«) oder noch einmal der Mond (»Et la lune descend sur le temple qui fut«) – die Darstellungskunst Dalbertos beschränkt sich nicht allein auf das Zeichnen von Konturen. Mit rechts läßt er das Wasser sprudeln, formt mit links daraus einen mächtigen Strom, dann wieder schafft er Licht und dunkelt es ab. Vor allem ließ Dalberto die Töne aussingen, schaffte Übergänge und hielt die Spannung.

Und immer wieder setzte er neue Impulse. Wann hört man schon einmal Gabriel Faurés Impromptus (Nr. 3, As-Dur) oder Nocturnes (Nr. 6 und 13, Des-Dur und b-Moll)? Ungeheuer bewegliche Stücke sind es – in ihrer Vielgliedrigkeit verwoben sich liedhafte Passagen und verarbeitete Themen, die mit einem funkelnden Nocturne endeten.

Mit Maurice Ravels »Gaspard de la Nuit« ging es am Ende zurück in bekannte Gefilde. Noch einmal erlebte man den Maler und Zeichner Michel Dalberto, der das Werk in eine imposante Höhe hob, von dort aber wieder hinabgleiten ließ, um schließlich noch einmal mit mächtigen Kaskaden für eine musikalische Entladung zu sorgen.

Der Eindruck des Programmes war gewaltig. Mit dem zweiten Satz aus Ravels Sonatine und dem Impromptu Ges-Dur von Franz Schubert (welch gewaltiger Unterschied zu Fauré!) sagte Michel Dalberto »Adé«.

21. September 2018, Wolfram Quellmalz

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