Die Schönheit des Dunklen

Erster Kammerabend der Staatskapelle

Eigentlich war für den Beginn der Kammersaison neben Johannes Brahms‘ Trio für Horn (Waldhorn), Violine und Klavier Franz Schrekers Musik zu einer Tanzallegorie für fünf Instrumente »Der Wind« geplant gewesen. Das bildhafte, teils impressionistisch anmutende Werk des Opernkomponisten Schreker hätte mit seiner szenischen Veranlagung sicher begeistern können. Doch die Ergänzungen in der neuen Programmabfolge mit Werken ausschließlich von Johannes Brahms waren keineswegs eintönig – alle entsprangen wohl sehr persönlichen Impulsen des Komponisten.

Das Horntrio Opus 40 nimmt allein schon wegen seiner Schönheit für sich ein, der Ausgewogenheit, die Brahms der ungewöhnlichen Besetzung angedeihen ließ. Das Werk war lange Zeit ein Solitär, erst im zwanzigsten Jahrhundert hat es bedeutende Neuzugänge in dieser Besetzung gegeben. Aufmerken ließ die weiche Tonfärbung vor allem des Horns, welche den ersten Satz mit Morgenschimmer eröffnete – Zoltán Mácsai zeigte sich als ein Meister der leisen Töne, so daß das Trio ausbalanciert blieb. Es beschreibt ein Naturidyll ohne Sentimentalität, schon hier verwandte Brahms viele dunkle Farben, wie im Scherzo. Allegro, in dem die Violine (Tibor Gyenge) bis in die Altlage »taucht«, oder im Adagio mesto, dem das Klavier (Michael Schöch) seine »dunkle Saite« hinzufügte. Das Trio beindruckte mit feiner Phrasierung, auch wenn im Finale vielleicht etwas die Spannung nachließ.

Der Sängerin Amalie Schneeweis in die Stimme schrieb Johannes Brahms seine beiden Gesänge für eine Altstimme und Viola und Klavier Opus 91. Christina Bock (Mezzosopran) und Michael Horwath (Viola) boten dieses einfühlsame Duett in beeindruckenden Farben. Christina Bock betonte zunächst noch mit starkem Vibrato die Stimmung, schwächte dies aber im Verlauf ab, was dem Liedcharakter und der Verständlichkeit zugute kam. An Ausdruck und Bildhaftigkeit mangelte es dem Duo nicht. Ob die »Gestillte Sehnsucht« oder das »Geistliche Wiegenlied« – ein vertiefter Sehnsuchtsgedanke ist beiden Texten eingepflanzt und wurde – wiederum ohne Sentiment – spürbar.

Mit dem Trio für Klavier, Klarinette (Robert Oberaigner) und Violoncello (Norbert Anger) Opus 114 schloß der Abend in noch einmal anderer Formation und erneut dunklen, samtenen Farben, doch melancholische Wehmut kam auch hier keine auf. Und wieder war es ein Gesangsduo, welches das Werk prägte. Schon die Adagio-Einleitung (Norbert Anger) hatte einen Betörungsmoment, die Klarinette folgte dem sogleich. Und doch hoben sich beide Stimmen nicht heraus, denn Michael Schöch, der den ganzen Abend ein glänzender Begleiter war, verschmolz mit ihnen zu einem innigen Trio, dem innigsten wohl an diesem Abend.

Trotz leiser und sanfter Töne gab es keine Dämmer- oder Abschiedsstimmung. Lebhaft waren die Wechsel der drei Individuen mit einem gemeinsamen Anliegen. Das Adagio geriet zum charmanten Wechselspiel (und zeigte wohl den wahren Charakter des Komponisten, dem man nachsagte, geradezu ruppig sein zu können), hinreißend war der Ländler im Andante grazioso – oder war das schlicht »oberaignerisch«?

28. September 2018, Wolfram Quellmalz

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