Echo? Opus? Klassik?

ZDF schiebt die Klassik aufs Abstellgleis

Nach der Abschaffung des Musikpreises Echo in allen Sparten besann man sich, daß es in einem Land mit solcher Theater- und Orchestervielfalt wie in Deutschland und mit einem solchen Musikmarkt einen adäquaten Preis im Bereich der klassischen Musik geben müsse. Der Echo Klassik sollte langfristig ersetzt und aufgewertet werden, statt Verkaufs- und Downloadzahlen der Musikindustrie stärker Kritik und qualitative Kriterien berücksichtigen. Der Skandal der antisemitischen Rap Songs habe den Echo Klassik ja ohnehin nicht betroffen, auch seien seine Vergabekriterien bisher bereits andere gewesen als im Pop-Bereich.

Anders als zunächst erwartet, wurde der Echo-Nachfolgepreis jedoch nicht ein Jahr ausgesetzt, sondern am vergangenen Sonntag, dem ursprünglichen Termin, erstmals vergeben. Die Gala des »Opus Klassik« hielt also am gewohnten Sendeplatz fest. Dabei zeigt sich: wenig ist anders, nichts ist besser.

Kultur, geschweige denn »Hochkultur«, gibt es im Fernsehen gewöhnlich nachts oder zumindest nach zehn Uhr abends, in diesem Fall 22:15 Uhr. Und auch sonst blieb manches gegenüber dem Echo Klassik gleich: man war im Konzerthaus Berlin zu Gast, Thomas Gottschalk moderierte, Rolando Villazón hatte einen Gastauftritt. So weit, so gut, sieht man von den allzu flapsigen und flachen Moderationen Gottschalks ab, dem zum Beispiel klar war, »daß man eine weibliche Hornistin nicht als Hornisse bezeichnet«. Haha!

Doch was hatte sich sonst am Konzept geändert? Antwort: nichts. Nur das Etikett war getauscht worden, die Trophäe neu gestaltet, die Erkennungsmusik angepaßt. Und der Beginn war ein anderer – statt Peter Tschaikowskys mitreißender Polonaise gab es eine Ouvertüre von Erich Wolfgang Korngold. Allerdings Filmmusik, keine Klassik. Korngold war einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, floh vor den Nazis und ging nach Amerika, wo er die Filmmusik nicht nur etablierte, sondern praktisch erfand (bzw. Charakteristika der Oper in Hollywood einführte). Nur ist vieles davon eben keine Klassik mehr. Überhaupt schien es, als durfte Klassik nicht zu »klassisch« sein – weil es anstrengt? Weil es zu ernsthaft ist? Aber weshalb nennt man den Preis dann »Opus KLASSIK«?

Der Cembalist Jean Rondeau ist für seine gewagten Interpretationen bekannt. Man kann über sie diskutieren und streiten, über Originalität und Werktreue, den Echo – Pardon! – Opus für die solistische Interpretation des Jahres bekam er jedoch wegen seines »musikalischen Spektakels am Cembalo« und seiner »extravaganten Präsenz jenseits aller Etiketten«, also wegen seiner Frisuren, Rasuren, Kleidung und Extravaganzen, die Musik spielte nur eine untergeordnete Rolle. Und Qualität…?

Und auch sonst war »Klassik« eigentlich Nebensache. Schön, wenn es Projekte gibt, die ein neues Publikum finden, aber so löblich »Klassik ohne Grenzen« scheint, ist der Begriff wohl eher ein Pseudonym für seichte Unterhaltung. Cool sein und witzig schien nicht nur Moderator Gottschalk wichtiger.

Benny Andersson, früheres ABBA-Mitglied und heute Musicalkomponist (ist das jetzt auch Klassik?) bekam auch einen Preis, spielte »Chess«, einen Titel von seiner neuen CD. Dem Kritiker schien es wie ein (etwas schlichtes) Präludium ohne Fuge. Gekürzt war es tatsächlich, wie der Künstler einräumte, so viel Zeit (vier Minuten!) habe man eben nicht…

Nein, Zeit hatte man er Tat nicht, nicht für die Klassik, aber es mangelte auch am Niveau und an der Sorgfalt (oder Aufrichtigkeit?). In der Vorwoche war die katalanische Sopranistin Montserrat Caballé verstorben, eine Weltklassesängerin – dem ZDF war das einen Beitrag von 45 (!) Sekunden wert, in dem immerhin »O mio babbino caro« angespielt wurde, dazu ein Ausschnitt aus »Wetten dass…« (mit Thomas Gottschalk natürlich) sowie – unvermeidlich! – das Duett »Barcelona« mit Freddy Mercury. Mag sein, daß das die meisten kannten, doch hat es weder mit Klassik zu tun noch ist Montserrat Caballé dafür berühmt geworden! Ein Nachruf sollte jedoch die Person und ihre Lebensleistung ehren, mit Würde verbunden sein und könnte idealerweise – gerade in diesem Fall! – etwas mehr Verehrung enthalten. Beim ZDF gibt es offenbar nichts dergleichen.

Fazit: der »völlig neue Preis« (Gottschalk) ist ein alter, beschädigter, wertloser Hut. Wie meinte Max Rabe? »Echo verweht, Opus steht.« Aha! Vielleicht steht er da, entblößt und beschämt. Arme Klassik…

15. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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