Königlich und festlich

Choir of Westminster Abbey zu Gast in der Dresdner Frauenkirche

Statt im Überdruß des Weihnachtsallerleis davonzulaufen, kann man sich gezielt Anlässe wie Konzerte aussuchen, die ein etwas anderes Programm, eine Alternative bieten. Solche sind oft dann ein Gewinn, wenn sie einen besonderen Fokus haben und einen anderen als den gewohnten. Der Choir of Westminster Abbey bietet solche gleich mehrfach: einerseits ist er ein für unser Verständnis gemischter Chor, denn er besteht aus einem Knabenchor und ergänzt diese andererseits um die Stimmen von zwölf erwachsenen Sängern, was ihm eine besondere Grundstimmung verleiht, in der von Sopranen bis Bässen alle Stimmen gleich enthalten sind. Die Männerstimmen sorgen – wie die Besucher der Frauenkirche am Mittwochabend erleben konnten – immer wieder für eine musikalische Erdverbundenheit. Bemerkenswert auch, daß der Choir of Westminster Abbey noch heute täglich (!) an den Gottesdiensten beteiligt ist.

Darüber hinaus ist der berühmte Chor als kulturelles Nationalgut oft an staatlichen oder gesellschaftlichen Anlässen beteiligt und begibt sich auf Konzertreisen, wie jene, die ihn in der Adventszeit nach Dresden brachte. Im musikalischen Gepäck hatten die 28 Sänger nebst Leiter James O’Donnell und Organist Peter Holder Werke aus 500 Jahren englischer Chorgeschichte – für Authentizität war also (zumindest theoretisch) gesorgt. Sie war nicht weniger praktisch erfahrbar, hörbar, gleich mit den ersten Tönen.

»How shall this be« (Wie soll das sein) beginnt der Text in Mariä Verkündigung im Lukasevangelium. John Tavener, einer der wichtigsten zeitgenössischen englischen Komponisten, läßt die Frage erst von den Sopranen singen, die hier seitlich in der oberen Chorempore standen. Wie von ferne klang das, faßte die Unbegreiflichkeit des Ereignisses in Klang, und doch waren die Stimmen der kleinen Besetzung (drei Sänger) nicht dünn, sondern durchdrangen den ganzen Raum. Die Antwort der Männerstimmen, die den Text aufgriffen, war um so eindrucksvoller.

Gerade die Formulierung des Weihnachtswunders im biblischen Sinn gelang dem Chor immer wieder ergreifend. Zweifel wie Erleuchtung wurde spürbar, gleichzeitig konnte die feine Stimmführung, ob schlicht und einfach oder polyphon aufwendig verwoben, erfreuen und verblüffen. So erschlossen sich viele Werke, die für den Chor zur Weihnachtstradition gehören, hier aber kaum bekannt sind. Klar und schwebend wie in Orlando Gibbons »See, see, the word is incarnate« (Siehe, das Wort ist leibhaftig) füllten die Stimmen meist a-capella den Raum – der Chor stand ganz klar im Zentrum des Abends. Peter Holder begleitete ihn an der großen Kern-Orgel mit zurückgenommen feierlichem Gestus, der dazu diente, den Gesang zu unterstreichen. Zweimal führte er sein Können solo vor: in Dietrich Buxtehudes Magnificat primi toni, welches klarsichtig durch die Register wanderte, und mit Michael Praetorius‘ »Nun lob, mein Seel, den Herrn«, welches viel virtuose Ornamentik bereithielt und sich in eine eindrucksvolle Apotheose steigerte.

Im zweiten Teil gab es manche deutsche Textzeilen, deren Verständlichkeit verblüffend war. Nur (ausgerechnet) »Stille Nacht« schien in seiner Schlichtheit etwas ohne Seele. Dafür beeindruckten große Stücke wie Hieronymus Praetorius‘ Magnificat quinti toni, in welches der Komponist gleich fünf Weihnachtslieder eingeschlossen hat!

Mit Benjamin Britten, John Rutter, Thomas Tallis und anderen standen viele englische Komponisten auf dem Programm, das nicht nur abwechslungsreich in der Gestaltung war, sondern auch den belebenden Wechsel von tollen Soli (Tenöre und Bässe) und Chorantwort bot. Es waren zwei erfüllende Stunden, die nur noch eines brauchten: eine traditionelle englische Zugabe: „Ding! Dong! Merrily on High“ – auch das authentisch.

6. Dezember 2018, Wolfram Quellmalz

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