Viel L’Arpeggiata, etwas Schütz

»Himmelsmusik« in der Dresdner Annenkirche

Das gehört dazu und das wissen die Besucher: L’Arpeggiata ist kein Originalklangensemble, daß den manchmal kratzigen und kantigen Alten Klang sucht, es überträgt die alten Werke in unsere Zeit und bereitet sie auf. Allerdings mit altem Instrumentarium, erst recht ohne Elektronik oder Schlagwerk. Doch vor »Originalität« spürt Leiterin Christina Pluhar dem Wesen nach, einer melodischen Ader der Stücke, einem Charakter, einer Farbe, die sie herausstreicht und »packt«. L’Arpeggiata hat, was man heute gemeinhin unter »Drive« versteht.

Und sie haben andere Programme – wer käme schon auf die Idee, Johann Theiles »Der Sionitin Wiegenlied« nicht ans Ende zu stellen (oder als Zugabe und Verabschiedung zu bringen)? Süß schaukelte Sopranistin Céline Scheen das Kind, lächelnd, als Konzertmeisterin Judith Steenbrink kurzzeitig das Wiegen übernahm. Dem Konzertbesucher blieb Zeit und Muße, nachzuschauen, wer und was da alles schlafen sollte und was dies bedeutete: Tulpen waren Blumen der Reichen (Im 16. Jahrhundert entwickelte sich eine wahre Tulpenmanie, die zu exorbitanten Preisen führte. Georg Philipp Telemann liebte und züchtete unter anderem Tulpen.), »Rosmarin« erinnert an die Legende, wonach der Rosmarin nicht mehr weiß, sondern blau blüht, seitdem Maria auf der Flucht nach Ägypten ihren Mantel über einen Rosmarinstrauch breitete, und »Alicant« ist ein spanischer Verwandter von Marzipan und Nougat – wer so alles schlafen kann …

Christina Pluhar band aus den Titeln wie gewohnt einen Strauß, leitete oft direkt zwischen Stücken über und erhielt so Stimmung und Spannung. Doch der reiche Klang, die große Fülle und ein strahlendes Lächeln sind manchmal viel, aber doch zu wenig. (Oder das zu viel überdeckt.)

Besonders deutlich wurde dies, als sich das Programm dem »Patron« des Musikfestes zuwandte: Heinrich Schütz. Denn gerade jetzt, da man nahezu täglich seine Werke hören kann, fällt besonders auf, wie stark L’Arpeggiata auf die Musik und den Affekt zielt, während der Sagittarius doch oft nach Schlichtheit strebte. In »Von Gott will ich nicht lassen«, das doch ganz auf den Text konzentriert sein sollte, wurde derselbe nicht zur Neben- aber eben nur zur zweiten Sache.

Céline Scheen und der Countertenor Kacper Szelążek folgten dem Ansatz von Christina Pluhar, der die Schönheit und das Mitreißende klar in den Vordergrund stellt. Dabei entwickelte vor allem die Sopranistin eine große Präsenz – wohl kaum jemand in der Annenkirche war nicht mitgerissen. Etwas bedenklich war dabei allerdings die Artikulation beider, denn vor allem kurz vor Ende, als das Programm vom üblichen (im Heft gedruckten) Verlauf abwich und man den Text nicht mitlesen konnte, waren beide schwer zu verstehen.

Das Ensemble tat sich da leichter, »verständlich« zu bleiben. Auch hier waren die reizvollen Kontraste (Doron Sherwin / Zink) allerdings recht üppig – auch wer nicht nach Originalität suchte, ermüdete schließlich am Effekt.

Dem vorzubeugen bzw. die Begeisterung aufrecht zu erhalten halfen natürlich jene Hymnen, die man aus L’Arpeggiata-Programmen kennt: »Ninna, nanna alla Napoletana« zum Beispiel oder das wunderschöne Duett »Pur ti miro« aus Claudio Monteverdis »L’Incoronazione di Poppea«.

11. Oktober 2019, Wolfram Quellmalz

Am Wochenende geht das Heinrich Schütz Musikfest zu Ende. In der Dreikönigskirche Dresden wird dann Sir Roger Norrington der Internationale Heinrich-Schütz-Musikpreis verliehen.

Bereits heute gibt es die Möglichkeit, im Heinrich-Schütz-Konservatorium Dresden Schülerinnen und Schüler sowie die Sopranistin Gretel Wittenburg, den Dresdner Motettenchor (Leitung: Matthias Jung) zu erleben. »Singet dem Herrn ein neues Lied« bietet Vokal- und Instrumentalwerke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude, Georg Philipp Telemann bis Hugo Distler und anderen.

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