Perspektiven, Standpunkt und …

… ein Wandelkonzert beim Heinrich Schütz Musikfest

Das Vocal Concert Dresden ist mit seinem Leiter Peter Kopp schon seit einigen Jahren regelmäßig bei den Neuen Meistern im Albertinum zu Gast und bietet jeweils zweimal am Abend ein gut einstündiges Wandelkonzert zwischen Gemälden und Skulpturen. Das eröffnet einerseits die Möglichkeit, sich zum Chor oder den Objekten zu positionieren, Perspektiven zu suchen, zu finden und Zusammenhänge herzustellen, macht darüber hinaus aber noch den Raum und seinen Hall erfahrbar.

Natürlich war eine wichtige Perspektive Heinrich Schütz, dessen Musik auch gestern im Mittelpunkt stand, und mit Giovanni Gabrieli, einem Lehrer, ebenso Bezugspunkte fand wie mit nachgeborenen Komponisten. Wilhelm Weismann, Michael-Christfried Winkler oder Siegfried Reda waren oder sind unsere Zeitgenossen.

Der Orts- und Perspektivwechsel ist auch immer ein Klangwechsel. So begann das Konzert im Lichthof, und hier stellte das Vocal Concert gleich einmal (scheinbar) den Text auf den Kopf, als es Heinrich Schütz‘ »Unser Wandel ist im Himmel« um Tische sitzend präsentierte. Die Besucher konnten um die Sängerinnen und Sänger herum, um ihre Klanginseln aus Sopran, Alt, Tenor und Baß wandeln und so erfahren, wie sich ein Positionswechsel auswirkte.

Während im Lichthof zunächst ein frei schwebender Klang vorgeherrscht hatte, wurde er bei Giovanni Gabrielis »Exultate justi in Domino« (Freuet euch des Herrn, mit zwei Chören auf den Freitreppen zwischen den Etagen) jubelnder, aufstrebender!

Von hier ging es durch die Räume, mit in Reihen aufgestellten Sängern, die »Maria mit dem Kinde zwischen musizierenden Engeln« (Anselm Feuerbach) in die Mitte nahmen, in Gruppen standen und teilweise in Liegestühlen saßen. Effektvoll geriet Heinrich Schütz‘ »Ride la primavera« (Es lächelt das Frühjahr) im Innenkubus eines Museumsraumes mit den an die Popart des (nachfolgenden!) Andy Warhol »erinnernden« Bildern Carl Lohses. Die Besucher blieben im Außenraum und konnten sich durch die Eingangsöffnungen verschiedene Ausschnitte von Bildern und Chor wählen oder sich draußen umsehen – einen totalen Blick auf das Vocal Concert gab es in dieser Konstellation nicht, diese »Unmöglichkeit« regte aber das Positionieren und Suchen gerade an..

Die freie Form des Konzertes ließ niemanden allein oder unberührt, belehrte aber auch nicht, selbst dann, wenn es so wesentliche Texte wie »Verleih uns Frieden« aufgriff. »Eile mich, Gott, zu erretten« von Heinrich Schütz und Andreas Hammerschmidt entfaltete, als einzige solistische Darbietung (nach Katja Fischer / Sopran von den Tenören Stephan Keucher und Jan Lang vorgetragen), zwei »Klangperspektiven« und erfuhr durch die Wiederholung einen Hörkontrast.

Mit »Unser Wandel ist im Himmel«, nun in der Fassung von Siegfried Reda mit im Kanon angelegten Versen und wieder im Lichthof, kehrte das Vocal Concert Dresden an den Ausgangspunkt zurück – wie nach jedem Wandel aber um einiges bereichert.

10. Oktober 2019, Wolfram Quellmalz

nächstes Konzert des Vocal Concert Dresden: 17. November 2019, 17:00 Uhr, Kreuzkirche Dresden, Johannes Brahms »Ein deutsches Requiem«

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