Klavierrezital der Residenzkünstlerin

Anna Vinnitskaya gibt im Dresdner Kulturpalast eine Visitenkarte ab

Mit Sergej Prokofjews zweitem Klavierkonzert hatte Anna Vinnitskaya ihre Spielzeit bei der Dresdner Philharmonie begonnen, nun legte sie mit einem Solorezital nach – am Sonntagvormittag spielte sie im bestens besuchten Kulturpalast Werke von Johannes Brahms, Béla Bartók, Robert Schumann und Frédéric Chopin. Manche der Stücke oder Komponisten, wie Johannes Brahms, gehören zum aktuellen Programm, also zu dem, was sich die junge Pianistin vielleicht noch erschließt, anderes, wie Frédéric Chopin, zählt seit langem zum künstlerischen Zentrum ihres musikalischen Strebens. Und doch blieben manche Fragen offen: Warum zum Beispiel hat sie sich nicht mehr Ruhe gegönnt (Pausen zwischen den Stücken) und weshalb hat sie die Möglichkeit, auf einem Bösendorfer Imperial zu spielen, nicht genutzt?

Mit Johannes Brahms‘ Vier Balladen Opus 10 begann der draußen noch so helle Vormittag drinnen vergleichsweise düster. Wer den im Programmheft abgedruckten Text einer der literarischen Vorlagen Brahms‘, Johann Gottfried Herders Übersetzung der altschottischen »Edward«-Ballade, mitlas, dem wurde es noch düsterer. Das zweite der Stücke war schon leichter, doch schien etwas zu fehlen – ausgerechnet! – Tiefe. Anna Vinnitskaya legte viel Betonung auf die jeweils singende Stimme, was den Grund der Balladen zu suchen schien, allerdings blieb das etwas eindimensional, fehlte es den Stücken so an Farbe, auch wenn die Pianistin ab der dritten Ballade sicherer wirkte.

Für Béla Bartóks zweite Klaviersonate verließ Anna Vinnitskaya nach dem Applaus gar nicht die Bühne, dabei hätte eine kleine Zäsur die beiden so unterschiedlichen Welten gut getrennt. Der Komponist hat die Sonate für den großen Konzertflügel des Hauses Bösendorfer geschrieben, der über eine zusätzliche Baßoktave verfügt. Doch laut Veranstalter hat die Pianistin auf Nachfrage gemeint, daß sie das Stück auch auf dem normalen Steinway spielen wolle. Es lag sicher nicht allein am Fehlen von zwei Tönen (bzw. deren oktaviertem Ersatz), dem entgangenen Erlebnis eines Subkontra-Gis und eines Subkontra-F, vielmehr ließ die Sonate eine dramaturgische Ausgewogenheit missen, das Sostenuto e pesante geriet im Verhältnis zu den Ecksätzen zu leicht. Während der erste Satz noch mit seinem strukturellen Aufbau einnahm, hinterließ der virtuose Wirbel des dritten keinen bleibenden Eindruck.

Es war nicht zuletzt die Programmzusammenstellung, die Wünsche offenließ. Robert Schumanns zu Beginn fast Brahmsisch gedonnerte Novellette fis-Moll und die Arabeske C-Dur (ein typisches Zugabenstück) waren hübsche Episoden auf dem Klavier, doch Schumanns subtilen Charakter vermißte man hier ebenso wie einen vertieften Ansatz in Chopins zweiter Klaviersonate. Das war alles sehr angenehm, sauber gespielt und korrekt – von einem Portraitkonzert hätte man dennoch mehr erwartet. Mit zwei leichten Zugaben, sanft plätschernd und gefällig, konnte Anna Vinnitskaya den Saloneindruck nicht wirklich verändern.

10. Februar 2020, Wolfram Quellmalz

Am 1. April (19:30 Uhr, Kulturpalast) lädt die Dresdner Philharmonie zu einem »Bach-Marathon«. Auf dem Programm stehen dann Konzerte für ein, zwei und drei Klaviere. Neben der Residenzkünstlerin Anna Vinnitskaya sind dann auch Evgeni Koroliov (einer ihrer Lehrer) sowie Ljupka Hadzigeorgieva zu erleben.

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