Vox Humana

Isang Enders legt faszinierende CD vor

Vier Jahre war Isang Enders 1. Konzertmeister Violoncello der Sächsischen Staatskapelle Dresden (2008 bis 2012). Nach der »Lehrzeit in diesem Musentempel« ging er wieder »allein auf Wanderschaft«, wie er selbst sagt. Er tut dies eher unspektakulär, fast leise, bedächtig. Auch mit CD-Aufnahmen läßt er sich Zeit. Auf »Mit Myrten und Rosen«, seinem Debüt bei Berlin Classics 2012, folgten zwei Jahre später die Cellosuiten BWV 1007-1012. Erst jetzt, knapp sechs Jahre später, legt er eine kammermusikalischen Einspielung nach: »Vox Humana«, erschienen bei seinem Hauslabel.

Die Bedachtheit des Vorgehens tut seinen Aufnahmen. Anders als der Titel vermuten lassen könnte, geht es Isang Enders weniger um den »Gesang« des Cellos, nicht darum, welches Instrument der menschlichen Stimme am nächsten käme. Natürlich vermag er sein Violoncello von Jean Baptiste Vuillaume (1840) singen zu lassen, doch nicht die Attribute sind entscheidend, sondern der Klang. In Werken französischer Komponisten spürt Enders diesem Klang nach, stellt Claude Debussy in den Mittelpunkt und sucht nach Bezügen von und zu Debussy. So wie er andere beeinflußt hat und man beispielsweise einen direkten Weg von Debussy zu Olivier Messiaen finden kann, ist Debussy wiederum Marin Marais vorausgegangen. Und hier findet sich dann auch »Vox«, die Stimme, wieder: in »Les vox humaines« aus dem zweiten Buch der Pièces de viole.

Mit einem Grand Ballet Marais‘ als Eröffnung fängt die CD an, und stellt sogleich eines heraus – den Klang. Und nimmt den, der noch mit Blick auf die CD-Hülle dem Vox-Gedanken nachsinnt, augenblicklich gefangen. Dabei sind es zwei Celli, die hier klingen, denn Isang Enders hat für seine Aufnahme ein paar Musiker eingeladen und stellt sie im Beiheft persönlich vor. Sie sind ihm nicht nur kongeniale Begleiter, Partner, er verschmilzt geradezu mit ihnen. Wie mit Mischa Meyer, mit dem er die beiden Marais-Sätze offeriert, als spiele ein Mensch allein auf seinem Cello zweistimmig.

Diese musikalische Symbiose betört und ist vollkommen überzeugend. Natürlich liegt es nahe, daß ein Solist für eine CD Lieblingsstücke für seine Stimme umschreibt. So naheliegend und verständlich der Wunsch ist, birgt er doch die Gefahr einer vordergründig süßlich oder melancholisch dominierenden Stimme – hier nicht! Selbst als Isang Enders in seinem Programm Claude Debussys Evergreen »Clare de lune« folgen läßt, ist dieser ohne die eindimensionale Schönheit puren Schwelgens. Sean Shibe (Gitarre!) und der Cellist folgen vielmehr dem Original, verschmelzen Kantabilität und Perkussivität – spielen (erneut) nicht wie zwei Musiker, sondern wie ein Pianist mit zwei Händen.

Dabei bleibt Isang Enders mit all seinen Partnern frei und ungezwungen: Mit seinem Vater Joachim am Harmonium scheint Messiaens »L’eaux« aus »Fete des belles eaux« (Fest der schönen Wasser / Wasserspiele) zu schweben; einfach großartig ist, wie er mit Sunwook Kim am Klavier die federleichten, melodisch berührenden Stücke der Schwestern Nadja und Lili Boulanger gestaltet! Trotzdem verharren beide Musiker nicht in bloßen Gesten, sondern überraschen mit lebenshungrigen Impulsen, dem »Vite« Nadja Boulangers. Nur einmal tritt Isang Enders solistisch hervor, mit Igor Strawinskys »Elegy«, in denen der Cellist – ganz glaubhaft – Bach’sche Versenkung findet.

Nicht nur Messiaens Werk ist eigentlich für ein anderes Intrument (das Ondes Martenot, ein elektronisches IUnstrument) geschrieben – bis auf zwei hat sie Isang Enders arrangiert. So gekonnt und ausgewogen wie hier findet man das selten!

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»Vox Humana«, Isang Enders und Mischa Meyer (Violoncello), Sunwook Kim (Klavier), Sean Shibe (Gitarre) und Joachim Enders (Harmonium), Werke von Marin Marais, Claude Debussy, Nadia und Lili Boulanger, Igor Strawinsky sowie Olivier Messiaen (erschienen bei Berlin Classics)

Ebenfalls gerade erschienen:

Sonaten für Viola & Klavier Opus 120 Nr. 1 & 2 sowie dem Trio für Klarinette (hier: Viola), Klavier und Violoncello a-Moll Opus 114 mit Andreas Willwohl (Viola), Isang Enders (Violoncello) und Daniel Heide (Klavier, erschienen bei CAvi)

8. Mai 2020, Wolfram Quellmalz

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