Gelbe Kastanien

Musikalische Wanderungen

Die Autorin Jutta Hecker, Tochter des Goethe-Philologen Max Hecker, studierte Germanistik und Anglistik in München, kehrte danach aber in ihre Geburtsstadt Weimar zurück. Weimar, Goethe und deren Umgebung waren ihr somit vertraut. Ihr Roman »Die Altenburg« schildert die Stadt und vor allem den Ort der Altenburg zur Zeit, als dort Franz Liszt lebte, als die ersten Goethe-Gedenkfeiern aufkamen. Ohne freizügige Ausschmückungen bleibt Jutta Heckel – anders als in manchen historischen Romanen heute nahe an den gesicherten Fakten, läßt die wissenschaftlich Erkenntnisse der Historiker in die Beschreibung der Romancière einfließen – unbedingt lesenswert!

Immer wieder werden in dem Buch die gelb blühenden Kastanien erwähnt. Ich war zunächst verblüfft – kannte ich doch weiß und rot blühende Kastanien, von gelb blühenden hatte ich bis dato nichts gehört. Eine Recherche bestätigte deren Existenz zwar, doch wollte ich sie natürlich »leibhaftig« sehen. Das Problem dabei war, daß man sie (ohne tiefere botanische Kenntnis oder das Wissen um einen Standort) nur erkennen kann, wenn sie gerade blühen, also im April / Mai.

Eines Tages fügte es sich, daß ich mit einem Musikfreund nach Weimar fuhr, ein Konzert des Freiburger Barockorchesters bei den Thüringer Bachwochen zu besuchen (auch diese Konzertreihe vermissen wir schmerzlich). Wir hatten etwas Zeit, zuvor das Liszt-Haus zu besichtigen und durch den Park zu gehen. Da mein Musikfreund gerne ißt und auch den Bärlauch kennt, zeigte ich ihm solchen im Park, der dort grünte und blühte, das heißt intensiv nach Knoblauch und Honig duftete. Doch mehr als »aha« hatte mein Musikfreund dazu nicht zu sagen (was leicht zu erklären ist: er kocht nicht selbst).

So machten wir gegen siebzehn Uhr noch einen Abstecher zur Altenburg. Die Gesichter des Personals dort hellte sich deutlich und freudig auf, als – so spät noch und an einem regnerischen Tag – zwei Besucher zur Klassik Stiftung Weimar kommen zu wollen schienen. Doch das wollten wir eigentlich nicht. Meine Frage, ob sie etwas vom Verbleib der gelben Kastanien wußten, setzte die Leute in grenzenloses Erstaunen (womit sie deutlich mehr Regung zeigten als mein Musikfreund angesichts des Bärlauchs). Indes – sie wußten nichts von Kastanien. Die Bäume waren irgendwann in der Nach-Liszt-nach-Goethe-Zeit wohl einer Säge zum Opfer gefallen …

Einige Jahre später, 2019, hatte ich an einem Sonnabend die Gelegenheit, die üblichen Wege zu verlassen. Denn nach einer Buchvorstellung (über Martin Flämigs Zeit als Kreuzkantor, zu finden bei uns in Heft 33) in der Musikhochschule wollte ich zu einem Konzert des Mozart-Vereines in die Diakonissenhauskirche. Zwei Orte, die ich gut kenne, aber bis dahin noch nie direkt verbunden hatte. So führte mich mein Weg an diesem 4. Mai über den Schützenplatz in Dresden – und siehe da: der Platz ist von Kastanienbäumen umstanden, gelb blühenden, zwischen denen Bänke zum Ausruhen einluden.

links: Kastanienbäume am Schützenplatz, Photo: NMB

»Die Altenburg« von Jutta Heckel ist im Verlag der Nationen sowie bei Kiepenheuer erschienen. Zu finden im modernen Antiquariat.

10. Mai 2020, Wolfram Quellmalz

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