Auf der Suche nach dem verlorenen Leben

Die literarische Welt Patrick Modianos kreist um Menschen und deren Vergangenheit, erschließt deren Geschichte und Herkunft meist bruchstückhaft. Immer wieder führt er seine Leser nach Paris. Hier kann man dem Autor durch die Straßen der Seinemetropole folgen, real oder mit dem Finger auf dem Stadtplan, über die Avenue Hoche, den Quai de Passy, die Chaussée de la Muette

Dort entlang ging einst ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hatte. Dabei kannte der Privatdetektiv Hutte, bei dem er zuletzt angestellt war, vielleicht sogar seine Identität? …

Einundvierzig Jahre nach »Die Gasse der dunklen Läden« kehrt Patrick Modiano noch einmal zurück zur Privatdetektei Hutte, zurück in eine Vergangenheit zwischen damals und heute. Diesmal geht es aber nicht mehr um den Mann, der vielleicht Pedro McEvoi hieß, sondern um einen anderen (ehemaligen) Angestellten: Jean Eyben. Ein paar Monate nur war er bei Hutte beschäftigt. Damals, als er ging, hatte er ein Dossier in einer himmelblauen Mappe mitgenommen. Weshalb er es damals behielt, ist ihm selbst nicht mehr bewußt – vielleicht wegen der Leerstellen des ungelösten Falls, weil ihn das Ungewisse an diesem Fall reizte?

Leseprobe:

Es gibt Leerstellen in diesem Leben, Leerstellen, die man errät, sobald man das »Dossier« aufschlägt: ein schlichtes Karteiblatt in einer himmelblauen Mappe, ausgebleicht mit der Zeit. Fast schon weiß, auch dieses einstige Himmelblau. Und das Wort »Dossier« steht mitten auf der Mappe geschrieben. In schwarzer Tinte.

Nicht nur die Erinnerungen an die Vergangenheit, auch die Tinte der Briefe, die eine Noëlle Lefebvre mit einer besonderen Tinte – floridablau – geschrieben hat, sind verblaßt. Auch sie bleicht mehr und mehr aus. Jetzt, Jahrzehnte später, versucht Jean Eyben, den Fall zu rekonstruieren, in der Hoffnung, daß sich die Konturen der Erinnerungsbilder wieder deutlich hervorzutreten, so wie bei einem Photo, das in einer Dunkelkammer entwickelt wird, bis sich eine Spur ergibt, die ihn zu Noëlle Lefebvre führt …

Am Abend dann habe ich Hutte den Brief gezeigt und ihn darauf hingewiesen, dass die Namen »Vierzon« und »Chêne-Moreau« auch in Noëlle Lefebvres Taschenkalender standen.

»Glauben Sie, Sie hätten eine Fährte?«

Sein Ton war so blasiert, dass meine schöne Zuversicht mit einem Schlag verpuffte. Als wär’s für ihn eine lästige Pflicht, griff er nach dem Telefonhörer.

Ja, die Erinnerungen kommen mit dem Kritzeln der Feder. Man darf sie nicht erzwingen, sondern muss einfach schreiben und dabei so wenig wie möglich streichen. Und im ununterbrochenen Strom der Wörter und Sätze steigen ein paar Einzelheiten, die man vergessen hat, allmählich wieder an die Oberfläche.

Zeugen darf man niemals trauen. Ihre sogenannten Aussagen über Personen, die sie angeblich gekannt haben, sind meistens falsch, und sie verwischen bloß die Spur. Die Linie eines Lebens verschwindet hinter diesem ganzen Wirrwarr.

Doch was interessiert Jean Eyben an Noëlle Lefebvre? Gab es einen besonderen Anlaß, ihre Spur wiederaufzunehmen, oder gab es gar einen Impuls, den das Unterbewußtsein aussandte, von »weit hinten«, aus den Tiefen des Gedächtnisses, weil Jean Eyben und Noëlle Lefebvre einmal miteinander bekannt waren?

Der Stadtplan, den Patrick Modiano entstehen läßt, ist dicht und konkret, wenn auch nicht so deutlich vernetzt und ausgeprägt wie in »Die Gasse der dunklen Läden«. Er führt über die Avenue Victor-Hugo, die Rue de l’Arcade und den Boulevard des Capucines bis in die Region Rhône-Alpes und nach Rom. Trotz konkreter Adressen bleibt der Weg Jean Eyben jedoch zunächst vage und unkonkret, es gelingt ihm nur allmählich – und wiederum bruchstückhaft – das Geheimnis von Noëlle Lefebvre ein wenig zu lüften …

März 2021, Wolfram Quellmalz

Patrick Modiano »Unsichtbare Tinte« (Originaltitel: »Encre sympathique«, 2019), Roman, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Hanser Verlag, fester Einband, Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,- €, auch als e-Book (14,99 €)

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