Aus der Krise eine Tugend machen

Kurzfristig haben die Sächsische Staatskapelle und die Musikhochschule Dresden einen Meisterkurs mit Christian Thielemann ins Programm genommen

Christian Thielemann und Kursteilnehmerin Katharina Dickopf im intensiven Austausch, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Matthias Creutziger

Am Anfang habe er das (so einen Meisterkurs) nicht zu hoffen gewagt, meinte Ekkehard Klemm im Pausengespräch. Schließlich sei die Kapelle mit ihrem Opern- und Konzertbetrieb eigentlich kaum einmal frei. Der »Anfang« war der Beginn der Honorarprofessur von Chefdirigent Christian Thielemann an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden vor einem halben Jahr. Ekkehard Klemm ist einer der Professoren, die junge Dirigenten ausbilden, und hat maßgeblich am Netzwerk der Hochschule mit regionalen und überregionalen Orchestern mitgewirkt. Doch ob Stipendiaten-, Absolventen- oder Preisträgerkonzerte, das zehnte Sinfoniekonzert mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue – nichts davon ist übriggeblieben, es gibt schlicht keinen Konzertkalender mehr.

Dennoch arbeiten die Klassen von Prof. Klemm, Prof. Leißner und Prof. Sandmann weiter. So gab es im Herbst (vor dem zweiten Lockdown) ein Dirigierseminar mit der Elbland Philharmonie Sachsen. Die Teilnehmer aus den jüngeren Studienjahren haben dabei unter anderem Ottorino Respighis »Die Vögel« erarbeitet. Ab Ostern sollen dies als Streaming zu sehen sein.

Für fünf der bereits erfahrenen Studenten wurde es am Donnerstag ernst. Sie bekamen die Gelegenheit, mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden in deren Heimspielstätte, der Semperoper, zusammenzuarbeiten. Auf dem Programm standen die Freischütz-Overtüre von Carl Maria von Weber sowie zwei Sätze aus Robert Schumanns zweiter Sinfonie – beide Werke sind eng mit Dresden verbunden.

Tim Fluch (2. Semester Masterstudiengang / Prof. Klemm), Jan Arvid Prée (4. Semester Master / Prof. Sandmann), der auch immer wieder als Komponist in Erscheinung tritt, Katharina Dickopf (8. Semester Bachelor / Klemm) sowie Dionysos Pantis (ebenfalls 8. Semester Bachelor / Sandmann) waren bis 2019 bereits mehrfach in Hochschulkonzerten zu erleben. Hinzu kam Dr. Ulrich Graba, der bereits als Orchester- und Schulmusiker bzw. -lehrer tätig ist.

Je erfahrener der Dirigent, um so sparsamer seine Gesten, sagt man. In jedem Fall müssen die Gesten aber verständlich, lesbar, eindeutig sein. Darüber hinaus zeigten sich die Dirigentin und ihre vier Kollegen höchst individuell. Christian Thielemann und Ekkehard Klemm verfolgten ihre Aufführung eher auf der Stuhlkante oder stehend als bequem sitzend – eine positive Anspannung, die sich in einer keineswegs lockeren, sondern intensiven Arbeit entlud. Die beiden Professoren hörten sich den ersten Durchlauf der Werke an, ohne zu unterbrechen, verständigten sich kurz untereinander, danach stand Christian Thielemann viel auf der Bühne, schlug vor, sparte auch nicht mit Lob. Niemals nur zur Motivation, bei jeder Kritik gab er ein »deswegen«, eine Begründung, warum das Zeitmaß gerade schön gewesen war, weshalb das Antreiben zu Beginn weniger sein darf, das zweite Crescendo größer sein muß als das erste. Mit Tim Fluch feilte Thielemann an dessen bereits dramaturgisch zielgerichteten Freischütz-Overtüre.

So entstand eine konstruktive Arbeitsatmosphäre mit hohen Austauschgraden. Christian Thielemann war an der Eindeutigkeit im Zeigen und Führen gelegen, betonte die Rolle der Stimmführer. Wenn diese (Konzertmeister Matthias Wollong) dem Jungdirigenten eine Rückmeldung gaben, redete der Meister daher auch nicht dazwischen.

So verlief das Lehren nicht in einer Einbahnstraße, sondern immer im Dialog. Thielemanns Ansagen waren immer klar und kamen an. In der Zusammenarbeit darf man dabei auch gerne zurück- oder hinterfragen, wie Katharina Dickkopf, der in ihrem Dirigat (Schumann, 3. Satz) eine sehr schöne Synthese von Präzision und Stimmung gelang. Den langsamen Satz in Bewegung zu halten und nicht zum Stillstand kommen zu lassen, das war ihr wichtig.

Individuell waren nicht nur die Dirigenten, auch die Situation war es – das Orchester verteilte sich weit im Konzertzimmer (größte Ausbaustufe), weshalb die Bläser (vor allem Hörner) auch ein wenig klangen, als säßen sie weit hinten oben (so war es auch). Solchen Situationen muß man besondere Beachtung schenken, weiß der Chefdirigent, sonst klingen die Bläser »zu spät«.

Für das Orchester war endlich wieder einmal Gelegenheit, gemeinsam zu spielen, die Teilnehmer konnten ihren Erfahrungsschatz anheben – da durften alle mehr als zufrieden sein. Christian Thielemann war es in jedem Fall:

»Es hat mir viel Freude gemacht, mit den Studentinnen und Studenten der hiesigen Musikhochschule arbeiten zu können. Gerade am Anfang einer Dirigierkarriere ist man für Hinweise und konstruktive Kritik offen und dankbar, das war bei mir nicht anders. Und gerade dann kann man mit kleinen Korrekturen oder Hinweisen eine große Wirkung erzielen – insbesondere, wenn man dabei erstmals vor einem Spitzenorchester wie der Staatskapelle steht. Die Offenheit, das Talent und Ernsthaftigkeit der Dresdner Dirigierstudenten hat mich nachhaltig beeindruckt, somit freue ich mich sehr auf die weitere Zusammenarbeit.« (Christian Thielemann)

Für die Hochschule gehöre dieser Tag zu einem der schönsten im letzten Jahr, faßte Rektor Axel Köhler am Schluß zusammen.

19. März 2021, Wolfram Quellmalz

Die Mitschnitte des Dirigierseminars mit Ottorino Respighis »Gli Uccelli« (»Die Vögel«) soll ab Ostern im Stream zu sehen sein. Bitte informieren Sie sich zu gegebener Zeit hier: elbland-philharmonie-sachsen.de/

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