Moritzburg Festival erlebte am dritten Abend einen Höhepunkt
Unwetterwarnungen müssen nicht abschrecken, sie können Konzerte sogar beflügeln. Am Sonntagnachmittag wähnten sich manche Besucher des Moritzburg Festivals (MBF) nach der Meldung, das Abendkonzert finde in der Evangelischen Kirche und nicht auf der Schloßterrasse statt, zunächst in meteorologischer Sicherheit, wie es sich musikalisch anfühlt, erlebten die Besucher unmittelbar in den ersten Takten von Luigi Boccherinis Streichquintett E-Dur. Das fünfte aus Opus 11 ist vielleicht Boccherinis bekanntestes Werk (was für ein Jammer, er hat so viel Schönes geschrieben, auch Sinfonien!) – als Pieter Wispelwey und Margarita Balanas die Bögen ihrer Celli im Paarlauf fliegen ließen, spürte man die Vibrationen im Dielenboden der Kirche, von wo sie jeden körperlich erfaßten, bis ins Herz drangen. Am Ende des Abends gab das Publikum diese Vibrationen mit Füßetrampeln zurück – so etwas gibt es auf der Schloßterrasse auch bei schönstem Wetter nicht!

Boccherinis ungemein sonniges Werk stellte oft die Violinen (Kristīne Balanas und Kai Vogler) den Celli gegenüber, Sindy Mohamed mußte sich mit der Viola den einen oder anderen anschließen. Während die Schwestern Balanas im sich gegenübersitzenden Duo musikalisch hervortreten durften und vor allem Kristīne den Lerchenton ihrer Violine auffliegen ließ, gibt es sonst weniger Soli, welche das Werk tragen, als daß es mit seiner wunderbaren Stimmung berührt. Sindy Mohamed hatte offenbar kein Problem mit ihrer eher unauffälligen Rolle, sondern Vergnügen am Spiel miteinander. Während sich der Himmel draußen grau verdunkelte, war die Kirche musikalisch tief golden gefärbt. Das »mörderische Vergnügen« des Menuetts (im Film »Ladykillers«* sterben alle fünf Mitglieder des Streichquintetts eines unnatürlichen Todes, allerdings kann auch keiner von ihnen wirklich spielen) wurde im Rondeau wieder in sittliche Bahnen gelenkt.

Mit dem zweiten Werk kehrte das MBF wieder einmal alte Qualitäten hervor, denn neben bekannten Klassikern und zeitgenössischer Musik erklangen hier lange Jahre vergessene, aus dem Repertoire gerutschte Stücke. Wie etwa Aram Chatschaturjan, dessen Œuvre leider auf wenige Werke wie sein Violinkonzert oder den Säbeltanz reduziert scheint. Dabei verblüfft gerade er in manchem mit seinem Personalstil. Wer am Sonntag den Beginn des Trios für Violine, Klarinette und Klavier hörte, mochte zunächst an einen Franzosen, etwa Maurice Ravel, erinnert sein. Bald aber entfernte sich das Werk von impressionistischen Formen, gewann Offenheit und Freiheit. Raphaël Sévère spendierte ihm den luxuriösen Glanz seiner sanften Klarinette, während Alexander Sitkovetsky (Violine) mehrfach die Rollen wechselte, einmal solistisch hervortrat, sich dann im Duett mit der Klarinette befand oder gemeinsam mit Wu Qian (Klavier) eine Begleitung schuf.
Das Trio vollführte einen einzigartigen Wandel, gewann expressive Farben, ließ rhapsodische Erzählungsteile hervortreten, überraschte zu Beginn des letzten Satzes (Moderato) mit einem Nachtstück. Die Violine nahm ihr Motiv von der Klarinette entgegen, bevor alle drei noch einmal in tänzerische Gefilde aufbrachen, denn Aram Chatschaturjan hatte die volkstümliche Musik seiner Heimat ganz einzigartig eingefangen. Dennoch setzte er keinen betonten Schlußakkord – auf den Pianoausklang folgten einhelliger Jubel und Zustimmung des Publikums.

Zwar endete der Abend, wie er begann, mit einem Streichquintett, doch liegen wohl kaum zwei Werke weiter auseinander als Boccherinis Opus 11 Nr. 5 und Anton Bruckners Streichquintett F-Dur, ein Solitär in seinem Katalog. Oder auch nicht, denn es läßt sich stilistisch, harmonisch, im Aufbau und in fast jeder Hinsicht sonst seinen Sinfonien zuordnen. Nur auf -zigfache Überarbeitungen hat der Komponist ebenso verzichtet wie auf Tuttischläge. Alexander Sitkovetsky, Kristīne Balanas, die Violen von Maxim Rysanov und Ulrich Eichenauer sowie Pieter Wispelwey gaben den Autor dieser Noten unmittelbar preis, sorgten für sinfonische Dichte, schorfige Grate, mannigfaltige Schattierungen. Streichquintett? Keine Soli (aber pulsgebende Pizzicati der Violoncelli), jede Menge Stimmgruppen, die sich verzweigten, kreuzten, auseinandergingen und dann auf einen Punkt zuliefen, in denen die fünf Streicher zu kulminieren schienen (1. Satz).
Mozart oder Mendelssohn hatten die Quintettbesetzung mit zwei Violen wegen des helleren Klangs gewählt. Bei Bruckner herrscht eine leichte Schwere vor, ein körperlicher Klang, der sich solcher Einteilung eigentlich entzieht, keinesfalls aber heller oder leichter ist als der goldige Boccherini. Das Moritzburger Quintett fand trotzdem im andächtigen Adagio Passagen, die leicht, singend, fast religiös klangen – hier tritt der Chor- und Orgelkomponist hervor. Das Finale gestalteten sie noch einmal betörend sinfonisch.
5. August 2024, Wolfram Quellmalz
https://www.moritzburgfestival.de

* Es gibt zwei Verfilmungen der ursprünglich britischen Krimikomödie. Dabei ist die originale von 1955 mit Alec Guinness eindeutig der Hollywood-Fassung von 2004 mit Tom Hanks vorzuziehen (nicht nur für Puristen). Allerdings birgt sie einen dicken Filmfehler, einen Patzer, einen musikalischen Skandal: Mrs Wilberforce ist hocherfreut, als sich fünf Herren (incl. ihres Untermieters Prof. Marcus) bei ihr treffen, um das Menuett aus Boccherinis Quintett zu üben. Angeblich kennt sie das Stück, das zu ihrem zwanzigsten Geburtstag gespielt wurde, sehr gut. Da hätte ihr doch auffallen müssen, daß die fünf Herren in der falschen Besetzung (zwei Violen, und nur ein Violoncelli von Mr Knoten, während Boccherini doch gerade zwei verlangt) bei ihr aufkreuzen! Nun ja, der zwanzigste Geburtstag liegt bei Mrs Wilberforce schon ein paar Jahrzehnte zurück …