Konzert des Moritzburg Festivals über die Maßen impulsiv
Gestern hatten wir erneut »Wetterglück« (wie so oft Ansichtssache) beim Moritzburg Festival – nach dem Regen des Tages wurde das Konzert vorsichtshalber an den Ersatzaufführungsort, die Evangelische Kirche, verlegt. Gute Voraussetzungen also für ein besonderes kammermusikalisches Erlebnis. Dennoch bzw. überraschenderweise (in mehrfacher Hinsicht) erfüllten sich die Erwartungen aber nur zum Teil.
Am Beginn gab es mit Riccardo Drigos Meditation für Viola, Violoncello & Klavier wieder ein Entdeckerstück. Der Komponist, geborener Italiener, verbrachte viele Jahre in St. Petersburg, wo er vor allem mit Balletten reüssierte. Nach Jahrzehnten mußte er das Land jedoch nach der Oktoberrevolution verlassen – die Sehnsucht nach »Mütterchen Rußland« schwang noch in der Interpretation der Meditation durch Sindy Mohamed (Viola), Jan Vogler (Violoncello) und Martin James Bartlett (Klavier) mit. Wer das Stück als »Schmachtfetzen« empfand, dem konnte man nicht ganz wiedersprechen. Immerhin eine liebenswerte Zutat und Ergänzung war es auf jeden Fall, auch wenn sich jener Glanz, der im nachhinein der Erinnerung oft nachpoliert wird, diesmal nicht einstellte.

Doch das lag an den folgenden Stücken bzw. deren Darbietung, denn sowohl für Wolfgang Amadé Mozarts Streichquintett Nr. 6 Es-Dur (KV 614) wie auch Franz Schuberts Klaviertrio Nr. 2 in der gleichen Tonart (D 929) ließen einige, nein allzu viel Wünsche offen. Immerhin gewannen bei Mozart strukturelle Besonderheiten wie kontrapunktische Verquickungen an Gewicht. Die teils etwas rustikale Wiedergabe, vielleicht von den sich gegenüber sitzenden Schwestern Kristīne (Violine) und Margarita Balanas (Violoncello) angefacht, war durchaus Geschmackssache, dennoch konnte man darin manche Facette eines lebenslustigen, kecken, impulsiven Mozart wiederfinden. Auch trafen sich die fünf (außerdem Alexander Sitkovetsky / Violine sowie Sindy Mohamed und Ulrich Eichenauer / Violen) auf Augenhöhe.
Freund Joseph Haydn schien schon im ersten Mozart-Satz verschmitzt dreinzublicken (im dritten lugte er deutlicher hervor), während das Andante klar dem musikalischen Rokoko entsprach. Waren anfangs schon Jagdmotive erklungen, verstärkte sich der fiebrige Parforce-Eindruck im Finale nochmals. Ein bißchen reichlich all das, oder hatte sich hier eine unangenehme Wechselwirkung mit dem Publikum Bahn gebrochen? Denn dieses applaudierte – ein mißliebiges Novum in Moritzburg – nach jedem Satz!

Es kam derweil noch ärger. Und damit hatte wohl kaum jemand gerechnet, denn für Schuberts Klaviertrio fanden sich erfahrene Mitstreiter zusammen: neben Kai Vogler (Violine) und Pieter Wispelwey (Violoncello) die von uns gerade noch (Sonntagskonzert) über den grünen Klee gelobte Wu Qian (Klavier). Doch schon die Einleitung erschlug die Zuhörer fast mit ihrer Lautstärke – »Verve« konnte man das kaum nennen, der Begriff »Lärm« wäre dennoch zu bösartig.

»Beethoven spannt seine Musik in den festesten kompositorischen Rahmen, damit daraus der Charakter der Emotionen um so unmißverständlicher hervortrete. Schubert setzt vielmehr Vertrauen in die Unmittelbarkeit des Gefühls, die Last der Form soll nicht zu schwer wiegen. […] Die Bezauberung des Augenblicks ist stärker als der Zwang der Zusammenhänge«, so hat Alfred Brendel einmal die Musik von Franz Schubert und Ludwig van Beethoven unterschieden. Natürlich ist auch dieses Zitat ebensowenig allgemein- wie für alle Zeiten gültig, dennoch waren diese heftigen Beethoven-Ausbrüche des guten (reichlich) zu viel, da mochte das entfesselte Publikum noch so laut jubeln und applaudieren! Zudem gerieten die beiden Streicher bei all der Vehemenz immer wieder auf tonale Abwege, kleine Unsauberkeiten, die unfein wirkten, auch weil das Risiko, in dem sie entstanden sind, nicht nachvollziehbar war. Das mächtig donnernde Piano tat ein übriges. Da konnte manche humoristische Szene Beethovens – Pardon! – Schuberts und ein zum Abschluß singendes Violoncello die Situation nicht mehr retten.
8. August 2024, Wolfram Quellmalz