Wiederaufführung von Matthias Drudes Weihnachtsoratorium
Am Donnerstag kam es zu einer Wiederaufführung in der Dresdner Lukaskirche, die man durchaus denkwürdig nennen kann. Denn nach 28 Jahren gab es – fast auf den Tag genau – eine Wiederaufführung von Matthias Drudes Weihnachtsoratorium am Ort der Uraufführung und der Aufnahme. Der Mitschnitt, der angefertigt wurde (Ende der Aufnahme: 11. Dezember 1997), war mehrfach im Radio zu hören und ist auf CD erschienen ist.
Matthias Drude hatte beim damaligen Direktor der Hochschule für Kirchenmusik Dresden offene Ohren für seine Idee gefunden, es sollte sein erstes großes, oratorisches Werk werden. Dabei legt Johann Sebastian Bachs gigantischer »Wurf« einen großen Schatten auf alle anderen Gattungsbeiträge. Selbst Heinrich Schütz oder Camille Saint-Saëns sind im Vergleich deutlich weniger präsent. Für Matthias Drude stand fest, daß er ein klar zeitgenössisches Werk schreiben wollte, das aber traditionelle Weihnachtsmusik, gerade durch Choräle, einschließen sollte. Weil er die Rolle des Evangelisten etwas gekünstelt fand, aber auch zur Abgrenzung von Bach, entschied er sich, auf einen Evangelisten zu verzichten. Dafür gibt es einen Sprecher als Erzähler sowie rezitativische Passagen der Beteiligten.
Das klingt zunächst, als wäre die »Bürde Bach« eine Einschränkung, doch im Konzert gestern zeigte sich, daß Matthias Drude dieser Falle entkommen ist. Im Gegenteil wirkt sein Weihnachtsoratorium frisch und unbelastet, nicht zuletzt, weil er in seiner Musik um den Textentwurf von Dietrich Mendt herum »gebaut« hat, was sie ausgesprochen authentisch macht. Dazu bricht das Weihnachtsoratorium sozusagen aus der Form (des Geschichtenerzählens) heraus, denn an ausgewählten Stellen spricht es die Zuhörer an und wirft einen »Anker« in unsere Zeit, etwa wenn der Text sich auf uns bezieht und feststellt »Die Welt ist schöner geworden«. Immer wieder nimmt der Text Bezug auf uns und auf Gott in unserer Mitte. Den »Anker« gibt es ebenso in die andere Richtung, wenn das Weihnachtsoratorium unsere Tradition einbindet, indem es sich, verfremdet oder direkt, auf weihnachtliche Choräle und Melodien bezieht, von »Es ist ein Ros« über »Kommet ihr Hirten« bis »Wie soll ich dich empfangen«, aber auch durch die Lesungsteile der Weihnachtsgeschichte nach Lukas (Erzähler).

Für einen Moment war die Aufführung in Gefahr gewesen, denn die vorgesehene Solistin Barbara Christina Steude mußte kurzfristig absagen. Glücklicherweise konnte mit Ulrike Staude binnen Stunden ein Ersatz gefunden werden – die Sopranistin hatte das Werk bereits einmal gesungen, ist also damit vertraut, so daß die zehnte Aufführung gelingen konnte.
Beteiligt waren außerdem die sinfonietta dresden (wie zur Uraufführung), der Chor der Hochschule für Kirchenmusik Dresden und Sebastian Richter als Sprecher und Bariton. Stephan Lennig, der aktuelle Hochschulrektor, übernahm die Leitung.

Matthias Drudes Weihnachtsoratorium beginnt nicht mit Pauken und Trompeten wie bei Bach, es fängt mit einer dünnen Linie liegender Streicher an, in die sich die Rufe von Holzbläsern mischen, als kämen Lichter in die Dunkelheit. Erst dann tritt der Chor hinzu. Dieser hat wesentliche Passagen zu tragen, tritt aber nicht als Volk oder in Turba-Chören auf, sondern über nimmt vor allem erzählende, kommentierende und relativierende Passagen. Erfreulich war, daß der Chor hier zu einer ausdrucksreichen Stärke und Variabilität gefunden hatte!
Ihm gegenüber erwies sich die sinfonietta nicht allein als souveräner Begleiter, sondern Gestalter. Auch von den Orchestersolisten gab es »kommentierende und relativierende Einwürfe«. Teilweise mit erstaunlichen Kontrasten, denn die Sinfonia am Beginn des zweiten Teils (»Die Hirten«) ist zum Beispiel keine eigentliche Pastoralmusik. Sie klingt fast tragisch, bis die Oboe (wieder wie ein Licht) ihre Melodie darin singt.
Die beiden Gesangssolisten standen dem mit sehr unterschiedlichen Rollen in nichts nach. Sebastian Richter verfügt über einen flexiblen Bariton, der sich für den Rollenwechsel auch einmal in tenorale Höhen aufschwingen konnte, wenn zum Beispiel im Erzählteil zunächst Jesaja spricht, der dann aber vom Zeichen, das der Herr geben wird, berichtet (Nr. 2). Dazu verfügte Sebastian Richter über eine deklamatorische Souveränität in den Sprechpassagen, die meist ohne Musik, teils aber damit unterlegt sind – noch hier also ein »flexibles« Werk.

Für den berührendsten Moment sorgte Ulrike Staude mit dem Wiegenlied Marias, in dessen »Mein Kind, du sollst Gott sein?« alle Zweifel und Ängste hörbar wurden. Wer könnte dem jungen Mädchen (der Erzählung nach war Maria 14 Jahre alt) diese Ängste oder ein Gefühl der Überforderung verdenken?
Neben dem Bezug auf Ängste oder in musikalisch bedrohlich wirkenden Teilen (Verfolgung des Jesuskindes durch Herodes) bot das Weihnachtsoratorium viele lichte Momente und Versprechen. Kurz vor Schluß »erinnerten« die Violinen in »Fürchtet euch nicht« an Bachs originale Melodie. Der Schluß freilich blieb verhalten wie der Anfang, auch wenn das neugeborene Kind begrüßt wurde – die Zuhörer blieben in ihrer Verantwortung eingebunden, ohne daß dies jedoch belehrend wirkte.
12. Dezember 2025, Wolfram Quellmalz
