Italienische Weihnacht auf dem Lande
Die Cappella Musica Dresden feiert in jedem Jahr in der Kirche Großerkmannsdorf ein musikalisches Weihnachtsfest. Meist mit Kantaten aus Bachs Weihnachtsoratorium, diesmal hieß es am Montag »Italienische Weihnacht auf dem Lande«. Es war kaum weniger festlich, denn die Musiker brachten in der barocken Kirche barocke Werke zum Klingen – vor allem aus Italien.
Das hatte die Gemeinde aufgegriffen und bot in der ohnehin schönen, nun geschmückten Kirche italienische Köstlichkeiten zum Genuß, süß und salzig, warme und heiße Getränke. Wobei man den italienischen Glühwein auch als »Gegenübertragung« hätte bezeichnen können, denn der Wein war italienisch, die Art, daraus Glühwein herzustellen, stammt ursprünglich aus (Mittel)deutschland. In der Musik passierten ganz ähnliche Dinge – Hirten, die mit ihren Schafs- und Ziegenherden sonst auf dem Lande oder am Rande der Stadt blieben, kamen zu den hohen Festtagen in die Stadt hinein, um mit Flöten, Dudelsäcken und Schalmeien ihre Musik darzubieten. Weil in der Fastenzeit vor Ostern das Konzertieren oft verboten war, hörten die Menschen die Hirtenmusik meist zu Weihnachten und verbanden sie bald mit dem Fest.

Giuseppe Torelli, Francesco Manfredini, Giuseppe Sammartini oder Arcangelo Corelli haben die berühmtesten Weihnachtskonzerte des Barock geschrieben, in denen solche Pastoralsätze eingeschlossen sind. Auch Georg Friedrich Händel hat eine »Pifferi« oder »Pifa« (nach den Pfeifen bzw. Schalmeien benannt) im Weihnachtsteil seines Messiah verwendet.
Mit Torelli begann die Cappella Musica ihr Konzert, das von Konzertmeisterin Susanne Branny moderiert wurde – die Stimmung war nicht nur italienisch, sondern familiär. Und es zeigte sich, daß auch die vergleichsweise kleine Besetzung allein mit Streichern, also ohne Flöten oder andere Bläser, die abwesenden Kollegen gut zu imitieren wußten. Gerade die Violinen (Susanne Branny, Annette Unger und Mechthild von Ryssel) wechselten leicht ins Gefilde der Vogelstimmen (Vivace), während im Largo der Gesang der Streicher von Pizzicati rhythmisch pointiert wurde. Der Basso continuo sollte den Abend über flexibel in seiner Ausprägung bleiben.
Händels »Pifa« sollte dabei nicht fehlen und verströmte eine gediegene Ruhe, bevor Johann Sebastian Bach hervortreten durfte: »Jesu bleibet meine Freude« aus der Kantate »Herz und Mund und Tat und Leben« (BWV 147) war ein instrumentaler Genuß, wobei sich die Streicher zwischen Violine, Viola (Stephan Pätzold) und Violoncello (Simon Kalbhenn) in den Singstimmen ergänzten – auch das sollte später wiederkehren.
Zunächst gab es aber einen venezianischen Höhepunkt der Weihnacht und des Winters, denn Francesco Onofrio Manfredinis Pastorale per il Santissimo Natale jubilierte in seiner Fröhlichkeit, bevor mit Antonio Vivaldi der eisige Winter einzog. Susanne Branny war nicht nur die Virtuosin im prächtig gestalteten Stück, das die Kälte und das zugefrorene Wasser ebenso darstellte wie den unaufhörlich in den Pizzicati tropfenden Regen, sie trug auch die von Vivaldi den drei Sätzen vorangestellten Sonette vor, die der Komponist mit seiner Musik so eindrücklich illustriert hatte.
Den Vielklang der Streicher durfte man nach der Pause in Johann Pachelbels Kanon bestaunen, für den Susanne Branny und Annette Unger in zwei Ecken der Empore gewechselt waren und mit den übrigen Musikern der Cappella Musica, die ebenfalls konzertierende Stimmen übernahmen, ein Klangdreieck bildeten.
Überhaupt lebte dieser Abend von der inneren Verbundenheit der Musiker, die sich seit langem kennen, einander vertrauen. Unter ihnen Jobst Schneiderat, noch bis vor kurzem »die Taste« der Sächsischen Staatskapelle, der im Orchester oder an der Semperoper verschiedene Aufgaben an Klavier, Cembalo und Orgel übernommen hatte. Diesmal spielte er Bachs Concerto für Cembalo und Streicher f-Moll (BWV 1056), in dessen Schlußsatz er als Kadenz »Maria durch ein Dornwald ging« einflocht. Die dunkel schimmernden Streicher (mit Dämpfern) und das Cembalo unterschieden sich erheblich von modernen Interpretationen mit Klavier und gewannen gerade mit ihrer Verbundenheit und einem umschlossenen Solisten.
Vor dem noch einmal weihnachtlichen Abschluß war Bachs berühmte Air (aus der Orchestersuite BWV 1068) eingefügt. Mit Arcangelo Corellis Concerto fatto per la Notte di Natale wurde das vielleicht berühmteste Concerto der Art vorgestellt, das eine geradezu wilde Extrovertiertheit in den Vivace-Sätzen bewies, aber im milden weihnachtlichen Schimmer der Pastorale endete.
Natürlich mußte eine gemeinsame Zugabe (mit dem Publikum) sein: Bachs Choral »Ich steh‘ an deiner Krippen hier«.
9. Dezember 2025, Wolfram Quellmalz