Eröffnung des Sächsischen Mozartfestes mit Albrecht Mayer

Mozartpreis und wiederentdeckte Konzerte für Oboe und Englischhorn

Was 1992 noch als »Kleines Mozartfest« begann, ist mittlerweile zu einem auch international beachteten Ereignis gewachsen. Unter der Federführung der Sächsischen Mozart-Gesellschaft e. V. und Franz Streubers finden sich alljährlich herausragende Musiker zusammen, welche in der weiteren Region um Chemnitz, aber auch mit Gastspielen in Leipzig und Dresden zu erleben sind. Das Eröffnungskonzert gestaltet seit 2009 jeweils ein für das Fest zusammengestelltes Netzwerkorchester (früher »Projektorchester«). Am vergangenen Freitag wurde das diesjährige Mozartfest in der Chemnitzer Kreuzkirche mit dem Solisten Albrecht Mayer, der auch die Leitung innehatte, eröffnet. Damit einhergehend wurde der Mozartpreis 2014 an den Mozart(k)ring Gelre-Niederrhein für seine seit 1991 währende Tätigkeit der Förderung und Verbreitung der Musik Mozarts und der Überwindung von Grenzen verliehen.

Die Ouvertüre zur Oper »Cosi fan tutte« von Wolfgang Amadeus Mozart stand zu Beginn auf dem Programm. Das Orchester – eben kein permanentes – hatte schnell ein glückliches Zusammenspiel gefunden und sich der Kirchenakustik angepaßt. Der warme basso continuo (Baß und Cembalo) gab einen pulsierenden, lebendigen Rhythmus vor, der den ganzen Abend erhalten bleiben sollte.

Die Ouvertüre war das einzige Stück Mozarts, das auf dem Programm stand, jedoch nicht das einzige mit einem Mozart-Bezug. Denn alle der folgenden Komponisten waren Mozart-Zeitgenossen und kannten einander. So sind uns heute noch Aussagen und Briefe bekannt, beispielsweise zwischen Wolfgang Amadeus bzw. Leopold Mozart und Joseph Haydn oder von Mozart über Werke Joseph Fialas. Dessen Konzert für Englischhorn und Orchester war eine der Ausgrabungen, an denen sich Albrecht Mayer beteiligt hatte. Die Besetzungsanweisung solcher Werke in den Originalautographen läßt oft einen Deutungsspielraum, wohl auch, um Anpassungen im Sinne der jeweiligen Gegebenheiten und damit eine Aufführung zu erlauben. Und so hatte Albrecht Mayer das für eine »Mittelstimme«, also vielleicht ein Horn, geschriebene Stück nach C-Dur übertragen. Und auch das Konzert für Oboe und Orchester in F-Dur von Jan Antonín Koželuh gehört zu den Entdeckungen, denn es war bisher zwar bekannt, jedoch nicht vollständig überliefert. Albrecht Mayer und das Netzwerkorchester VI holten dies nun auf Basis einer in Breslau gefundenen Handschrift nach. Das an zweiter Stelle aufgeführte Werk reihte sich glücklich an Mozarts Ouvertüre, als würde es sich nicht um ein Instrumentalstück, sondern die »Cavatine der Isabella« oder etwas ähnliches handeln. Mit Ausnahme des Triangels und der Pauken beansprucht ja fast jedes Instrument für sich, der menschlichen Stimme am nächsten zu kommen. Dabei liegen die Oboen auf der Glaubwürdigkeitsskala besonders weit vorn, und wer am Freitag Gast in der Chemnitzer Kreuzkirche gewesen ist, konnte dem auch nicht widersprechen.

Besonders schön war aber, bei Koželuh ebenso wie bei Fiala, die Ausgewogenheit zwischen Solist und Orchester. Man stelle sich (im mozartischen Sinn) ein Vogelkonzert vor, keine schimpfenden Spatzen, sondern Grasmücken, Drosseln und Lärchen, und Albrecht Mayer als Nachtigall dazwischen. Die Oboenstimme ist im Koželuh-Konzert fast pausenlos gefordert, schwingt sich in höchste Höhen und feinste Piani. Albrecht Mayer und das Netzwerkorchester ließen aber zu keiner Zeit technischem Virtuosentum die Oberhand, sondern stets dem gesanglich-heiteren Konzertieren verbunden.

Nach dem beschwingten Oboenkonzert war jenes für Englischhorn dann um einiges dunkler gefärbt, manchmal düster, bedenklich gar (im zweiten Satz), doch auch hier kam Albrecht Mayer die Gesanglichkeit nicht abhanden.

Joseph Haydns Sinfonie Nr. 94 mit dem Paukenschlag stellte nach den zwei Wiederentdeckungen eines der bekanntesten und populärsten Werke der Wiener Klassik dar. Natürlich ist der Überraschungseffekt eigentlich schon nach der Uraufführung verflogen und läßt sich heute nicht mehr reproduzieren. Kaum jemand wird noch durch den besagten Paukenschlag aufgeschreckt – ja, man erwartet ihn doch! Das hielt aber Albrecht Mayer und das Orchester nicht davon ab, gerade diesen Moment akribisch vorzubereiten, man konnte der besonderen Zurücknahme des Orchesters die diebische Freude anmerken, die die Musiker gehabt haben müssen, diesen Knalleffekt herauszustreichen. Und trotzdem waren es nicht die Effekte, die hier im Vordergrund standen, sondern die muntere Heiterkeit bzw. die heitere Munterkeit Joseph Haydns. Im abschließenden Allegro di molto durfte die Pauke dann noch einmal ordentlich wirbeln.

Wer das Konzert in Chemnitz oder die Übertragung im Radio verpaßt hat, kann noch bis zum 25. Mai weitere Konzerte des Mozartfestes erleben. Gleich heute sind Maria Andreeva (Violine und Klavier) und Sergey Belyavsky, zwei Preisträger des internationalen Rotary Musikwettbewerbes Moskau, in der Städtischen Musikschule Chemnitz zu Gast. Das Programm wird morgen in leicht abgewandelter Form im Marcolini-Palais Dresden wiederholt. Darüber hinaus besteht wohl aller Grund, sich auf die nächste CD von Albrecht Mayer zu freuen, auf der wohl die Werke Jan Antonín Koželuh und Joseph Fiala enthalten sein werden. Was noch? Darauf sind wir gespannt!

Wolfram Quellmalz

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