Mittelsächsische Philharmonie und Elisabeth Weber mit Mozart und Bartók

Der geniale Gedanke kommt selten von allein, vielmehr ist er oft Resultat einer Auseinandersetzung – mit der Idee oder mit der Vergangenheit. Auch auf Musikgenies wie Mozart oder Bartók trifft dies zu. Beide hatten genaue Kenntnis davon, was die Welt der Musik schon zuvor bereichert hatte. Mozart war mit Haydn befreundet und studierte Werke Johann Sebastian Bachs, Béla Bartók hatte es sich zur Aufgabe gemacht, eine Phonographie ungarischer, rumänischer und slawischer Musik anzulegen. Solche Auseinandersetzung schlägt sich immer auch im eigenen Werk nieder, sei es indirekt, als Teil der Erfahrung, die in den schöpferischen Akt einfließt, sei es direkt, indem ein Thema, eine Melodie oder ein Idiom aufgegriffen, zitiert und verwandelt wird.

Am 22. und 23. Mai war beides in der Nikolaikirche Freiberg und im Theater Döbeln zu erleben. Die Mittelsächsische Philharmonie und Raoul Grüneis hatten (wieder) eine Solistin von internationalem Rang eingeladen. Elisabeth Weber studierte unter anderem in der Musikmetropole London und hat zur Zeit selbst eine Professur in Lübeck inne. Sie musizierte schon mit Kammermusikern wie Isabel Faust, Tabea Zimmermann und Boris Pergamenschikow, war aber auch schon mehrfach in Mittelsachsen zu Gast. Diesmal nun mit Werken beider Komponisten des Abends.

Statt der traditionellen Programmordnung Ouvertüre – Konzert – Sinfonie zu folgen, hatte sich Raoul Grüneis für eine wechselseitige Folge etwa gleichlanger Stücke entschieden und begann das Konzert mit der sonst am Schluß stehenden Sinfonie. Mit Wolfgang Amadeus Mozarts »Linzer« ging es sozusagen von Null auf Einhundert. Und gleich bewiesen die Freiberg-Döbelner einmal mehr ihre Klasse und daß sie in einer guten sächsischen Orchestertradition stehen. Die Streicher sorgen für einen warmen, geschmeidigen Grundton, die Bläser setzen blitzsaubere Akzente dagegen, daß es nur eine Freude ist! Oboe (Anna-Katharina Hoene) und Klarinette (Anja Bachmann) klingen da wie Samt und Seide (oder Seide und Samt?). Insgesamt recht flott, aber auch mit großer Präzision nahmen Grüneis und die seinen Mozart und hauchten der C-Dur-Sinfonie Leben ein.

Mit der musikalischen Zeitmaschine ging es dann fast 150 Jahre weiter zu Béla Bartóks erster Rhapsodie für Violine und Orchester. Elisabeth Weber »erzählte« Volksweisen des Balkans mit herb-charmantem Ton, das klang nach Volksfest und Balkanfiedel, nach Schluchzen und Springen zwischen den Gefühlswogen – Ruhepausen gab es nicht, dafür aber schöne Duette (Flöte: Sören Glaser). Selbst mit gedämpftem Ton versprühte die Solistin lebendige Frische. Frohgestimmt ging man in die Pause, denn Bartóks Rhapsodie verweilt nicht beim Klagen, sondern springt hin und her und endet (natürlich) fröhlich – alles wird gut! – mit einem »juche!«

Nach der Pause ging ins metrische Gleichmaß zurück, zumindest kurz, denn Mozart ist gleichermaßen ein Wahrer und Evolutionär der Formen und überraschte gern die Zuhörer. Sein Violinkonzert A-Dur gehört zu den schönsten, besten und fröhlichsten, die es für die Violine gibt. Elisabeth Weber und die Mittelsächsische Philharmonie betonten den fröhlich-virtuosen Charakter und gaben ihm die Aufregung der Aufführung mit, liefen in keine Routine-Falle, sondern bezauberten ihr Publikum. Einzig der »à la turca«-Einschub im Rondo hätte noch etwas kräftigere dunkle Farben vertragen.

Und noch einmal wechselte das Programm, wieder zu Bartók, dessen Suite Sz 77 den Abschluß des Konzertes bildete. Doch ist diese weit davon entfernt, nur leicht und unterhaltend zu sein. Vielmehr tritt Bartók hier als Bewahrer und Vermittler auf, der dem Werk – anläßlich eines Jahrestages für die Stadt Budapest entstanden – verschiedene Melodien, Lieder und Tänze des Balkans, aber auch Nordafrikas eingepflanzt hat. Im flotten Wechsel kolorierten Raoul Grüneis und sein Orchester den mittelsächsischen Konzertsaal mit exotischen Tänzen und Mondscheinepisoden über Balkanseen. Noch einmal sorgten die Streicher und die vielen Solisten für farbenreiche Pracht. Das Publikum, unter welches sich auch Jan Michael Horstmann, der ehemalige Generalmusikdirektor, gemischt hatte, bedankte sich mit viel Applaus.

Wolfram Quellmalz

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