Dresdner Philharmonie begeistert Publikum mit Außergewöhnlichem und Entdeckerstücken

Die Dresdner Philharmonie lud am 24. Mai erneut ins Albertinum. Das 14. Konzert der Saison hier war gleichzeitig das dritte der Dresdner Musikfestspiele. Ihrer Tradition und Ambition entsprechend präsentierten Michael Sanderling und das Orchester Werke der Moderne, welche in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden waren. Zwar sind die Komponisten – Béla Bartók, Sergej Prokofjew und Kurt Weill – bekannt, die Werke jedoch durchaus nicht alle geläufig. Eine kleine »Hemmschwelle« hätte man da befürchten können, doch zerstreute das zahlreiche interessierte Publikum derartige Befürchtungen durch Anwesenheit.

Bartóks Tanzsuite Sz 77 eröffnete den Abend klang- und farbenprächtig. Der Komponist hatte anläßlich der Fünfzig-Jahr-Feier Budapests (nach dem Zusammenschluß der verschiedenen Stadtteile) aus seiner umfangreichen Sammlung an Volksliedern und -melodien geschöpft und nicht nur slawische, rumänische und ungarische Rhythmen einfließen lassen, sondern über deren Grenzen hinaus auch arabische bzw. orientalische Einflüsse aufgenommen. Michael Sanderling interpretierte die Suite elektrisierend, ließ immer neue Klangkaskaden hervorbrechen, ein auf und ab an Szenen und Episoden erklingen. Neben Volkstänzen und Traumsequenzen gab es auch einen arabischen Markt zu sehen (hören) sowie einen orientalischen Marsch. Immer neue kleine Motive setze das Orchester zusammen wie einen Bilderreigen – spannend und mitreißend. War damit der maximale Elektrisierungsgrad erreicht, oder konnte der noch gesteigert werden?

Nach einem kurzen Durchatmen war schnell klar – ja, er konnte. Beziehungsweise »sie« konnten: Alexander Toradze, Michael Sanderling und seine Philharmonie. Prokofjews drittes Klavierkonzert beginnt sacht mit einem Andante, aber diese Einleitung dient nur dem Kraftschöpfen, bevor sich Klavier und Orchester wieselflink durch ständig wechselnde Themen jagen, Hasche zu spielen scheinen. Dabei gelingen durchaus federleichte Momente, in denen Alexandre Toradze zu schweben scheint. Der zweite Satz, ein Andantino mit Variationen, ruft Erinnerungen an Mahlers »Revelge« wach, beinahe könnte man das »Trallali, Trallaley, Trallalera« mitsingen. Das Klavier klagt, erzählt, lamentiert, während das Orchester den Erzähler immer wieder aufweckt und antreibt. Nach der letzten Variation geht es zum Finale, wieder ein Allegro, welches sich aber nicht nur huschend und flink gibt, sondern pulsierend und rhythmisch immer mehr an Fahrt aufnimmt und den Elektrisierungsgrad immer weiter steigert. Ja, ist denn da kein Ende? Streckenweise gibt es keinen Streicherklang mehr, vielmehr peitschen sich Klavier, Bläser und Pizzicati gegenseitig auf, bis zu einem alles erlösenden Tusch. Ausuferung pur – Prokofjews drittes Klavierkonzert ist eines derjenigen, nach dem man keine Zugabe mehr vom Solisten erwartet.

Sich noch einmal an Rasanz zu steigern wäre denn doch zuviel geworden, und so kehrte die Philharmonie nach der Pause mit Kurt Weills zweiter Sinfonie ein wenig auf den Boden zurück. Dieses »Grenzstück« (das letzte »klassische« des Komponisten, der sich fortan auf Musicals und Filmmusik konzentrierte) zeigte Weill abseits der »Dreigroschenoper« einmal als Spätromantiker, der sich den Grenzen der Atonalität aber doch gemäßigt näherte. Während Bartóks Melodien noch an Naturbilder erinnerten, kann man Weil vielleicht eine futuristische Welt unterlegen (?). Die Nähe zur Filmmusik ist an der einen oder anderen Stelle durchaus gegeben, manches klingt da nach science fiction und Weltraum. Und das ist gar nicht abwertend gemeint, denn die Filmmusik hat ja durch Komponisten wie Korngold und Weill viele Charakteristika direkt aus der Klassik bezogen.

Im übrigen erwies sich der Anschein des Gemäßigten spätestens im dritten Satz als trügerisch, denn Michael Sanderling zog im Allegro vivace das Tempo noch einmal ordentlich an und setzte einen fulminanten Schlußpunkt unter Werk und Abend. Das Publikum war ihm auf dieser Reise durch die Moderne willig gefolgt und hatte sich mitreißen lassen – großer, verdienter Jubel zum Schluß.

Wolfram Quellmalz

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