Saisonausklang der Dresdner Philharmonie mit viel Brahms im Schauspielhaus

Vor zwei Jahren hat Ende Juni das letzte Konzert der Philharmonie im Kulturpalast stattgefunden. Zu diesem Anlaß hatte man einen »Ausklang« ausschließlich mit Werken Antonín Dvořáks, seinen drei Solokonzerten und Auszügen aus den »Slawischen Tänzen« gestaltet. Zusätzlich gaben die drei Solisten des Abends noch das »Dumky-Trio« des tschechischen Meisters zum besten. Ein großes, langes Programm, welches zweier Pausen bedurfte.

Die Idee des Saisonabschlusses im XXL-Format wurde am vergangenen Sonnabend wiederbelebt, diesmal mit Werken Johannes Brahms‘, einem Freund und Förderer Antonín Dvořáks. Julia Fischer (Violine) gab damit auch ihre Abschiedsvorstellungen als residierende Solistin, ihr zur Seite gesellten sich Daniel Müller-Schott (Cello), der schon 2012 dabeigewesen war, und Simon Trpčeski (Klavier). Anders als vor zwei Jahren gab es keine drei Solokonzerte, sondern zunächst eine Sinfonie (die vierte) und das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester sowie drei kammermusikalische Werke dazwischen: die Sonate für Violoncello und Klavier F-Dur (Nr. 2), jene für Violine und Klavier A-Dur (ebenfalls Nr. 2) sowie das Trio für Violine, Violoncello und Klavier c-Moll (Nr. 3). (Am Sonntag wurde das Programm in zwei Teilen, vormittags: Kammermusik, abends: Sinfonie und Doppelkonzert, wiederholt.) Ein langes, aber kurzweiliges Programm und gleichzeitig ein zusammenhängendes Segment aus dem Schaffen Johannes Brahms, denn es handelt sich um die Werke mit den Opuszahlen 98 bis 102, die hier auch in genau dieser Reihenfolge gespielt wurden. Allesamt entstanden (vermutlich) in den Sommermonaten der Jahre 1884 bis 86 während Brahms‘ Aufenthalten in Mürzzuschlag und Hofstetten. Der »Sommerkomponist« verbrachte diese Zeit gerne in den Bergen, doch nicht Ferien waren dies, sondern seine produktivsten Wochen.

Nicht der große »Klangteppich« ist es, den die vierte Sinfonie zunächst vor uns ausbreitet, sondern eine Vielzahl von Motiven und Verflechtungen. Michael Sanderling spürte diesen mit seinem Orchester nach, die vollendete Entfaltung wurde allein durch die trockene Akustik des Schauspielhauses verhindert. Doch bereits im zweiten Satz, der sehr viel kammermusikalisches enthält, fiel dies nicht mehr ins Gewicht, denn nun treten zahlreiche Solisten hervor. Die Stimmung der Sinfonie scheint sich zu heben, wird heiterer, sommerlicher, als wäre die Sonne über Mürzzuschlag, wo doch die Kirschen nach Aussage Brahms‘ nicht süß werden, endlich hinter einer Wolke hervorgetreten. Neben dem noblen Streicherklang fielen ganz besonders die Hörner und die Soloflöte (Karin Hofmann) auf, bevor zum Schluß, nun wieder ganz sinfonisch, ein geheimnisvoller Einschub (Wieder eine Wolke, die da alles verdunkelt?) noch einmal für Stimmungswechsel sorgte.

Den Kammermusikteil gestalteten dann die drei Solisten alleine. Daniel Müller-Schott gab die ganze Palette der Gefühle auf seinem Cello wieder. Die Sonate geriet bei ihm dunkel, geheimnisvoll, fast bedrohlich. Müller-Schott spielte nicht ohne Härte, fast schon Schroffheit. Was der Spielfreude jedoch keinen Abbruch tat, denn mit Simon Trpčeski schien ihn nicht nur eine ungebrochene Musizierlust zu verbinden, die beiden hatten durchaus auch Spaß am Werk – Brahms’sche Neckereien? In den Sätzen drei und vier gewann denn auch das schwärmerische Element, lösten die beiden Musiker Verdunklungen harmonisch auf.

Julia Fischer, die für einen glasklaren und mit größter Reinheit gespielt Ton bekannt ist, brachte die sanftesten, zartesten Gefühle zum Ausdruck, eine Musik zum Augenschließen – wie gut, daß auch hier Pianist und Violinistin auf »Tuchfühlung« waren. Beieinandersein – so kammermusikalisch kann es im Schauspielhaus klingen!

Im Trio kam dies alles noch einmal zu einem Höhepunkt. Auch hier betonten Julia Fischer, Daniel Müller-Schott und Simon Trpčeski nicht nur die heiteren Passagen, sondern gaben dem Werk viele Dimensionen, trat besonders das Nachdenkliche hervor.

Den Abschluß bildete das Doppelkonzert, das Doppelkonzert schlechthin. Und auch hier noch einmal – wie es den ganzen Abend prägte – war es nicht eine oberflächliche Harmonie oder scheinbare »Dreieinigkeit« der beiden Solisten mit Michael Sanderling, die uns da präsentiert wurde, sondern ein reger Austausch dreier Individuen. Kein Disput, kein Konflikt, sondern gegenseitige Anregung war es, Belebung, die den ganzen Farbenreichtum des Konzertes hervorkehrte – was für ein schöner Abschluß!

Als Zugabe spielten Julia Fischer und Daniel Müller-Schott noch Johan Halvorsens Bearbeitung der Händel’schen Passacaglia aus der Cembalosuite Nr. 7 in g-Moll. Ein Stück, welches Spielwitz, Virtuosität und Einfühlungsvermögen gleichermaßen erfordert. Ein wenig ermüdet, aber auch belebt und erfreut verläßt man das Schauspielhaus. Solche Schlußpunkte sind nicht endgültig, sie sind eher wie Doppelpunkte und machen neugierig auf das, was noch kommt. Und man wünscht sich auch eine Wiederkehr dieser Solisten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s