Musik zum Staunen – Uraufführung »Monumentum« von David Philip Hefti beim Moritzburg Festival

Ein erstaunliches Werk ist es, was David Philip Hefti da in Noten gesetzt hat, die am gestrigen Dienstag von Timophy Chooi, Mira Wang (vl), Hwayoon Lee, Hartmut Rohde (vla), Jan Vogler und Harriet Krijgh (vc) aus der Taufe gehoben wurden. Das Moritzburg Festival hatte das Werk gemeinsam mit dem Käthe Kollwitz Haus Moritzburg und der Chamber Music Society of Lincoln Center bei dem schweizer Komponisten in Auftrag gegeben. Hintergrund war das Jahr 1914, der Beginn des ersten Weltkrieges und das persönliche Schicksal Käthe Kollwitz‘ Sohnes Peter, der, achtzehnjährig, schon in den ersten Wochen dieses Krieges fiel. Er hatte sich freiwillig dafür gemeldet und die Zustimmung des Vaters mit Unterstützung seiner Mutter erlangt. Käthe Kollwitz verarbeitete diese Tragödie in der Figurengruppe »trauerndes Elternpaar«, welche heute auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Vladslo (Belgien / Flandern) steht. Für die Erschaffung der weltberühmten Skulptur bzw. die Bewältigung der persönlichen Katastrophe brauchte sie achtzehn Jahre, ebensoviele, wie Peter Kollwitz gelebt hatte.

Dies sollte der Ausgangspunkt für David Philip Heftis Stück sein, und dankenswerterweise war die Figurengruppe nicht im Programmheft abgebildet. Denn solche Übertragungen liefern zwar Fakten, unterstützen das Verständnis jedoch nicht, da der Blick auf die Werke individuell ist und durch Person und Zeit geprägt wird. Nicht zuletzt hatte David Philip Hefti die Entstehung der Skulptur, also den Prozeß und nicht das Objekt, als Inhalt seines Werkes gewählt.

Hochinteressant war es übrigens, das Aus-der-Taufe-heben mitzuerleben. Denn der Komponist erschafft, wie er selbst sagt, zunächst auch nur eine Graphik. Daß es Musik wird, dafür braucht es die Aufführung, und die muß – gerade bei modernen Werken, die sich nicht nur an Tonalität und Zeitmaß orientieren, sondern auch fremde Klänge oder aleatorische Elemente verarbeiten – durch ausführende Menschen, die Interpreten, erschaffen werden. Im Gegensatz zu Haydn oder Mozart, wo Musiker oft nur »nachschöpfend« tätig sind, gab es hier also eine direkte Beteiligung der Ausführenden. Einem Abschnitt dieses Prozesses während der öffentlichen Probe am Montag und der auch auf Deutschlandradio Kultur übertragenen Uraufführung gestern beizuwohnen, war bereichernd.

David Philip Hefti hat ein geradezu plastisches Werk geschaffen. Das etwa zwanzig Minuten lange Stück besteht aus aneinandergereihten Teilen, die unterschiedliche Zustände zu beschreiben scheinen, sowohl innere, also des Geistes, der Stimmung und Gefühle, aber auch äußere, das heißt solche, die einen Prozeß beschreiben. Ein Sich-selbst-befragen, Verzweiflung, Trauer, Machtlosigkeit, ein großes »Warum?« scheint in Wechselwirkung zu stehen mit ausbrechenden Gedanken, Mahnungen oder – um auf das Ausgangsbild zurückzukommen – dem Entstehen einer Skulptur. David Philip Hefti arbeitet viel mit Klangeffekten und läßt die Bögen nicht nur über Saiten streichen, sondern sie (oder Hände) auch auf Zargen schlagen. Doch hat der Komponist gerade bei seinem Streichsextett diese Effekte wohldosiert und gezielt eingesetzt und sie wurden von den Musikern mit einer ungeheuren Sensibilität ausgeführt. So hatten – unabhängig voneinander – schon zur Probe einige (nach Alter und Musikerfahrung vollkommen unterschiedliche) Besucher die Assoziation der Erschaffung einer Holzskulptur.

Während für mich beim erstmaligen Hören (mit kurzen Unterbrechungen) in der Probe vor allem die Einzelabschnitte und ihre Gestaltung oder mögliche Deutungen (bzw. Assoziationen, denn ich hatte nicht den Anspruch, zu deuten) zugänglich waren, ergab sich schon bei der zweiten und nun durchgehenden Aufführung (also der Uraufführung) ein Gesamtbild, nämlich jenes eines persönlichen Traumas, welches immer wieder verarbeitet, aber niemals abgeschlossen wird. (Die traumatisierte Person muß sich mit dem Trauma auseinandersetzen, solange sie lebt.)

David Philip Hefti hatte im Komponistengespräch mit Jan Vogler vor dem Konzert interessante Einblicke in sein Schaffen gegeben und die Hoffnung geäußert, daß sein Werk beim Zuhörer kein Gefühl der Beliebigkeit hinterlasse, sondern daß es Bestimmtheit vermittle und auch das rechte Maß, daß es also nicht früher oder später hätte enden können. An diesem Abend gab es viele interessierte Zuhörer, viele von ihnen dürfte das Werk erreicht haben. Und ja – das Sextett ist nicht beliebig, sondern genau so lang, wie es sein muß.

Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s