Hindemith, Bratsche und ein volles Haus

»Bratsche und Hindemith, da kommt keiner« hatte Tabea Zimmermann zuvor noch im Scherz gesagt. Was sie meinte, war aber nicht die Angst, daß wirklich keiner kommen würde, sondern die Hürde, Orchester und Konzertveranstalter für das Konzert zu begeistern. Das gestattet aber andererseits auch manchmal die Freiheit, bei sich bietenden Möglichkeiten mehr wagen und experimentieren zu können.

Die Dresdner Philharmonie war offenbar der richtige und mutige Partner, und so gab es Paul Hindemiths »Konzert für Solobratsche und größeres Kammerorchester« op. 48 in der frühen Fassung zu hören. Zwischen Ende 1929 und Februar 1930 geschrieben, hat Paul Hindemith im Sommer desselben Jahres das Darius und seiner Frau Madeleine Milhaud gewidmete Werk noch einmal überarbeitet, wobei er unter anderem den an vierter Stelle stehende Satz, »langsam, schreitende Achtel« strich. Gerade diesen schönen Abschnitt aber wollten Tabea Zimmermann und Dirigent Hans Graf, mit dem sie das Werk im vergangenen Jahr auch aufgenommen hatte (Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Myrios), nicht ungehört lassen. Also die Urfassung.

Daß keiner kommen würde, war eigentlich nicht zu befürchten – ganz im Gegenteil: das Albertinum war bestens besetzt. Und erlebte zunächst – staun! – nur ein halbes Orchester. Violinen und Violen (bis auf jene der Solistin) waren weit und breit nicht auszumachen, und es wurden schon Stimmen laut, welche einen Ausflug dieser Gruppen auf den Weihnachtsmarkt vermuteten. – Nein, genau so hat Paul Hindemith, selbst Bratschist und Dirigent, das Werk geschrieben. Damit hebt er die Viola besonders heraus und stellt sie vor allem den Bläsern gegenüber, mit welchen sie in Motiven parliert, während die verbliebenen Celli und Kontrabässe meist den Part des Baßbegleiters übernehmen. Leicht hat es der Komponist »seinem« Instrument übrigens nicht gemacht. Im Gegenteil, findet Tabea Zimmermann, ist das Stück gerade schwierig und komplex.

Hindemiths freie Tonalität ist von großer Lebendigkeit und erinnert gleich zu Beginn an eine Schauspielmusik, in die sich ein paar Ragtime-Rhythmen eingeschlichen haben. Geradezu spitzbübisch und vorwitzig spielen sich Tabea Zimmermann und ihre Bläserkollegen aus dem Orchester (zum Beispiel Viola und Horn) die Motive zu und wechseln sich in Concerto-Grosso-Manier ab. Dann scheint es im langsamen Teil eine Eintrübung zu geben, die düster, nachdenklich und sogar dramatisch daherkommt. Doch wird dies bald von heiteren Melodien und Piccoloflöten aufgelöst. Der (in der zweiten Fassung weggelassene) Beginn des zweiten Teils, den Tabea Zimmermann und Hans Graf besonders lyrisch ausmalen, leitet dann wieder in lebhafte, frohe Melodien über, die sich bis zum tänzerischen steigern. (Und wer den Vergleich mit dem Ragtime vom Beginn folgen möchte, fand zum Schluß vielleicht sogar versteckte Anklänge an eine Polka). Tabea Zimmermann gelang es, den gediegenen Viola-Ton auch in den technisch anspruchsvollen Passagen zu bewahren und wurde dafür von Publikum und Orchester gleichermaßen gefeiert.

Mit der Lebhaftigkeit und Leichtigkeit, den Stimmungswechseln, einem Hauch Melancholie und dem lyrischen Alt Tabea Zimmermanns sowie der immer zu einem guten (frohen) Schluß führenden Musik kann man dem Werk einen Serenadencharakter unterstellen, womit eine mögliche Brücke zum zweiten Stück des Abends geschlagen wird: Johannes Brahms erster Serenade in D-Dur. Forscht und sucht man in den Motiven und Zitaten, ergibt sich eine Fülle weiterer Brücken, denn Hindemith wie Brahms hat sich intensiv mit früheren Werken und Kompositionstechniken befaßt.

Brahms‘ erste Serenade, nicht die zweite, deshalb kamen nun auch die fehlenden Streicher um Konzertmeisterin Heike Janicke zurück. Die Lebhaftigkeit blieb dem Abend erhalten und wurde nun noch um Brahms’sche Fröhlichkeit und Brummbärigkeit erweitert. Serenade? Darüber könnte man streiten – zu viel von einer Sinfonie steckt darin. Hans Graf und die Philharmonie formten die einzelnen Sätze (sechs, der vierte aus zwei Menuetten bestehend) farbenreich aus, besonders schön und wie in Pastell gelang das Menuetto I.

7. Dezember 2014, Wolfram Quellmalz

Tabea Zimmermann wir im Januar 2015 erstmals künstlerische Leiterin des 2014 wiederweckten Kammermusikfestes, der Beethoven-Woche, im Beethoven-Haus Bonn sein. Nähere Informationen dazu finden Sie unter:

http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=86820

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