Jedem leuchtet ein Stern – Sächsisches Vokalensemble mit Motetten und einer Uraufführung

Der Wunsch, einen Text der Weihnachtsgeschichte zu vertonen, hatte Johannes Wulff-Woesten schon lange beschäftigt. Christa Spilling-Nöker, deren Texte den Komponisten bei der Recherche am stärksten angesprochen hatten, verfaßte das Libretto dazu. Am Sonnabend vor dem dritten Advent feierte das Weihnachtsoratorium »Jedem leuchtet ein Stern« in der Dreikönigskirche seine Uraufführung.

Dem vorangestellt hatte Matthias Jung a-capella-Motteten zur Adventszeit, vor allem des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Benjamin Brittens doppelchörigem »A Hymn to the Virgin« mit den lateinischen Textteilen als Echo der Solisten im Gegensatz zum englischen Gesangstext des Chores, Max Regers »Es kommt ein Schiff geladen« und »Unser lieben Frauen Traum« sowie Zoltán Kodálys »Adventi ének« stand als einzigem Vertreter des frühen 17. Jahrhunderts Johann Eccards »Nun kommt der Heiden Heiland« gegenüber, der die schlichtere Form des Chorales farbenprächtig erweitert hatte. Das Sächsische Vokalensemble zeigte sich in Bestform, sowohl die klare Diktion als auch die Ausdruckskraft betreffend und gestaltete die Motetten anrührend und mahnend, oder auch prächtig und strahlend (wie Eccard). Am beeindruckendsten im ersten Teil war sicherlich Günter Raphaels »Maria durch ein Dornwald ging«. Der Komponist führte das berühmte Kirchenlied aus der Tradition in seine (Raphaels) Zeit und steigert es in den drei Stufen: Wird über den untermalenden Männerchor in der ersten Strophe ein Alt-Solo gelegt, nimmt die zweite – mit Sopransolo – im Klangvolumen leicht zu und entwickelt in der dritten (»Da haben die Dornen Rosen getrag’n«) seine ganze Kraft aus dem gesamten Chor. Farbig-romantisch und berührend vorgetragen durch das Vokalensemble.

Johannes Wulff-Woestens Weihnachtsoratorium stellt den Gedanken des immer wieder möglichen Weihnachtswunders ins Zentrum. Dabei geht es vor allem auch darum, sich selbst und auch die dunklen Seiten anzunehmen. Entsprechend hatte Christa Spilling-Nöker einen Text entworfen, den sie nicht in die klassische Weihnachtsgeschichte und Bethlehem, sondern ins hier und heute verlagert. Maria ist bei ihr ein junges Mädchen, das unehelich schwanger geworden ist. Zwar besingt der Chor in den Chorälen noch das »einst« der bekannten Weihnachtsgeschichte, der Erzählteil bezieht sich jedoch auf unsere Umgebung und Menschen und unsere Nachbarn. Johannes Wulff-Woesten war es ein Anliegen, keine intellektuelle, unzugängliche Musik zu erschaffen, sondern eine solche, welche die Menschen erreicht und im inneren berührt. Dazu bedient er sich sehr schönen melodischen Ideen und Rhythmen und bezieht auch fremde Elemente mit ein, ohne dabei beliebig zu werden oder plakativen »Multi-Kulti-Sound« zu entwickeln. Beginnend mit Schlägen der Pauke und der einsetzenden Orgel erinnert er sogar kurz an Bach, doch führen – auch musikalisch – Solovioline und Saxophon schnell zur Gegenwart. Anfangs noch vereinzelt mit Soli, wachsen die Gruppen stetig zusammen, bis sie in Nr. 20 »Es wird ein göttlich Kind geboren auch heute…« eine Einheit bilden. Wunderbar auch das Wiegenlied »Schlafe mein Kind…« (Annekatrin Laabs).

Der musikalische Vortrag geriet glänzend. Begleitet von den Musikern der Dresdner Kapellsolisten formte das Sächsische Vokalensemble hier – auch in den Soli – die Geschichte nachfühlbar aus. Die Verpflichtung der Gesangssolisten Julia Sophie Wagner (Sopran), Annekatrin Laabs (Alt) und des in einem betörend weichen Erzählton rezitierenden Henryk Böhm (Bariton) kann als Glücksfall bezeichnet werden. Der Spannungsbogen, das Gute auch in dunkler Gegenwart zu erkennen und Hoffnung zu schöpfen, wurde von den Sängern eindringlich getragen. Die Aufnahme durch das Publikum war entsprechend positiv, was für die Zugänglichkeit des Werkes spricht. Trotzdem fehlte es dem Werk, vor allem im Text, letztlich an Tiefe, denn die Botschaft, heutige »Werte« in Frage zu stellen, ist letztlich nicht neu und schon vielfach gesagt (und überhört). Durch Wiederholung allein erhöht sich die Aussagekraft nicht, die Anregung, mehr als nur zuzustimmen, sondern weiterzudenken oder etwas (sich) zu ändern, bleibt leider aus.

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