Zum Mitsingen – ensemble amarcord

»Die Grundlage aller Musik ist Stille.« Im Kleingedruckten bat das Ensemble im Programmheft darum, Mobiltelephone und das Piepsen digitaler Uhren während des Konzertes abzustellen. Darüber hinaus gibt der Satz Alfred Brendels ein Grundbedürfnis der Musikschaffenden und der Musikgenießenden wieder. Am Montag abend wurde diesem Bedürfnis entsprochen, und so konnten sich in der Dreikönigskirche die Stimmen der fünf Sänger des ensemble amarcord aus der Stille kommend entfalten.

Die Tenöre Wolfram Lattke (der meist im Falsett sang) und (seit 2013) Neu-Mitglied Robert Pohlers, Frank Ozimek (Bariton) sowie Daniel Knauft und Holger Krause (Baß) hatten das angekündigte Programm krankheitsbedingt ändern müssen. Zwar waren alle Sänger nun wieder wohlauf, doch hatte vor allem der November die notwendige Probenarbeit gelitten. »Weihnachtliche Vocalmusik aus dem Mittelalter und der Renaissance« gab es daher leicht gekürzt, dazu wurde das Programm um einen moderneren Teil »Christmas around the world« ergänzt. Abgeschreckt hat das niemanden, denn es war trotzdem ein Original-amarcord-Programm.

Die fünf ehemaligen Thomaner (mit leichten »Verunreinigungen« durch vereinzelte Kreuzchorjahre) setzen Klang und Raum in Szene, ohne daß die Szene überwiegen würde. Im Zentrum steht immer die Musik, und so sorgt die Beleuchtung für Stimmung und ist keine Licht-Show. Von der Seite den Raum betretend, brachte amarcord den Gesang in die Kirche. Mit Erhard Mauersbergers »Weihnacht« von 1974 nahmen sie den thematischen Faden des Abends auf und erinnerten an ihre eigene Vergangenheit (bzw. deren Vorgeschichte) – Erhard Mauersberger war von 1961 bis 1972 Thomaskantor. Die folgenden Stücke waren dann aber Kompositionen vorbehalten, die zwischen dem 13. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden waren. In Gruppen zu bestimmten Anlässen geordnet und mit kurzen Moderationen bedacht, erschlossen sich kleine Welten der Besinnung aus (fast) ganz Europa. Fünf Stimmen, so homogen und voll Innigkeit, da blieb niemand unberührt – polyphone Harmonie. amarcord-Konzerte sind auch immer Entdecker-Konzerte, und so war auch diesmal das Programm ausgewogen und enthielt wenig oder kaum bekannte Weisen ebenso wie »Es kommt ein Schiff geladen« oder »Es ist ein Ros entsprungen«. Und auch das ist amarcord: jedes der Lieder ist natürlich für das Ensemble eingerichtet. Von Freunden, Mitgliedern oder geschätzten Kollegen; keiner der Arrangeure oder Bearbeiter bleibt ungenannt.

Mit dem letzten Stück vor der Pause »Riu, riu, chiu« von Matea Flecha ging es ins Spanien des frühen 16. Jahrhunderts. Auf Kastagnetten kann amarcord verzichten – Rhythmik und Puls übertragen sich durch den Gesang und wenig Untermalung.

Der ergänzte Konzertteil führte dann die neuere und ganz neue Zeit und in viel Länder der Welt. Weihnachtsweisen gibt es auch aus Nigeria (hier konnte das Publikum mitsingen) oder Trinidad und Tobago. Immer mit dabei: sinnenvolle Leichtigkeit und Humor. So gab es als Abschluß eine ganz spezielle Fassung von »In der Weihnachtszeit« mit besonderen Einlagen Wolfram Lattkes als Imitator von Louis »Satchmo« Armstrong – sowohl an der Lufttrompete und als auch als Sänger.

17. Dezember 2014, Wolfram Quellmalz

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