Ihr sucht einen Führer? Fürchtet ihn!

Am Freitag feierten Engelbert Humperdincks »Königskindern« an der Semperoper Dresden Premiere.

In Elsa Bernsteins Libretto geht es noch um einen König. Seine Figur kann zu den Märchenelementen der Oper gezählt werden, doch läßt sich der Stoff auch als Folie auf den Zeitlauf der Menschheit und seine vielen Konflikte übertragen. Gerade im Moment und angesichts der Demonstrationen an den Montagen (die wenig mit den »Montagsdemonstrationen« gemein haben) zeigt die Semperoper Flagge und hält mit »Türen auf! Augen auf! Herzen auf!« gegen anderslautende Meinungen. »Refugees are welcome here«, eine Initiative der Dresdner Intendantenrunde, liest man auch in den Programmheften.

»Flüchtlinge sind hier willkommen« – das gilt in Hellastadt nicht, wo die Königskinder verjagt werden. Hellastadt zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Gesellschaftsbild, mit Menschen, die satt, zufrieden und erfolgreich sind, aber auch engherzig, intolerant, selbstsüchtig und unbarmherzig. Nur Einzelpersonen stehen diesem Kreis gegenüber. Zum Beispiel die »Hexe«. Ja, ist sie denn eine? Schon Elsa Bernsteins Text läßt Zweifel daran aufkommen und gibt Deutungsspielräume frei. Da ist die Interpretation von Regisseurin Jetske Mijnssen naheliegend: ohne die Frage schlußendlich zu beantworten, scheint die Rolle der (Ersatz-)Großmutter, die das Kind gerettet hat und – fern von der Gesellschaft – behütet aufwachsen lassen will, glaubhafter als die einer Hexe oder gar Märchenhexe. Nein, eine wahre Märchenoper sind die »Königskinder« nicht. Humperdinck vereint Märchen, Sage und Drama zu einem Melodram. Jetske Mijnssen und Christian Schmidt (Bühne und Kostüme) nehmen die Märchenelemente auf und gestalten eine prächtige Ausstattungsoper, in die nach und nach die Psychologie des Dramas einfließt. Zu Beginn gibt es zwar keine heile, aber eine geschlossene Welt mit Gänsemagd (Barbara Senator) und Großmutter / Hexe / Waldfrau. Tichina Vaughn schlägt die Brücke zwischen den Figureninterpretationen, ist energisch und befehlend, auffahrend bei Widerstand, aber eben auch nicht ganz so böse, wie eine »ordnungsgemäße« Hexe sein sollte. Allerdings singt sie auch nach vier Jahren in Dresden mit einem so starken Akzent, daß sie manchmal schwer zu verstehen ist. (Das überfordert vor allem die ganz jungen Besucher, aber die hatten hier sowieso schwer zu schlucken – kein Märchen!) Barbara Senators Gänsemagd ist eine »Gänsemagd plus«, denn neben Eigenschaften, die man erwartet (jung, hübsch, fröhlich) gibt sie ihrer Rolle auch solche mit, die ihr einen glaubhaften Charakter verleihen: sie ist ein wenig eigensinnig und widerspricht – ein pubertierender Teenager, keine langweilige Göre. (Pardon!) Königssohn (interessant: kein »Prinz« – kein Märchen!) Tomislav Mužek entwickelte sich im Laufe des Abends vom unbedarften, noch etwas naiven und in Liebe entflammten Jungen zum Ahnenden, dem das Leben Erkenntnis aufdrängt. Ernüchtert und bestrebt, für die Königsrolle zu wachsen, hält er an seiner Liebe fest. Tomislav Mužek stattet den Königssohn mit der Verwegenheit und Naivität der Jugend aus, läßt ihn aber auch an den Rückschlägen ernüchtern. Doch er verzweifelt nicht – er erkennt sein Ziel. Inbrunst und Kraft hat er – da kommt schon ein kräftiger Bursche daher, wo das Stück noch einen zarteren Jüngling vorsieht. Entsprechend gibt es eine kleine Erheiterung im Publikum, als die geltungsbedürftige Wirtstochter (selbstgefällig-überdreht und einschnippisch gespielt von Christina Bock) seinen »schlanken Leib« rühmt.

Doch nur klein ist diese Erheiterung, denn jeder ist gebannt dabei, im zweiten Akt in der Hellastadt. Gänsemagd und Königssohn haben die Hütte der Großmutter nacheinander verlassen und finden sich nun wieder. Daß sie zusammengehören – daran bestand kurz ein Zweifel (»Ich verlasse dich, wenn du mich verläßt« [Königssohn]) – ist ihnen nun klar. Sie erfüllen (unwissend) den Orakelspruch der Waldfrau, daß mit dem zwölften Glockenschlag der neue König das Stadttor durchschreiten würde. Daß sie aber auch gewarnt hatte »Ihr sucht einen König? Fürchtet ihn!«, verschweigen Besenbinder (Tom Martinsen) und Holzhacker (Michael Eder), welche von den Hellastädtern ausgeschickt worden waren, die Waldfrau um Rat zu fragen. Ebenso unterschlagen die beiden den Hinweis, daß der Königskandidat anzunehmen sei, in welcher Gestalt er auch auftauchen möge (»sei es ein Schalk oder ein brauner Wechselbalg«). Und genau diesem Teil der Prognose wollen die Hellastädter nicht entsprechen – sie wollen einen Führer nach ihrem Geschmack, das sind die Königskinder aber nicht. Im Gegenteil haben diese noch Glück, nicht verprügelt oder eingesperrt zu werden – man verjagt sie, Hellastadt geht unsicheren Zeiten entgegen.

Heimliche oder eigentliche Hauptfigur der Oper ist der Spielmann, den Christoph Pohl stimmlich und spielerisch glänzend gibt (damit liegt er auch in der Publikumsgunst vorn). Nicht nur lebenslustig, auch lebenserfahren ist er, singt nicht allein volkstümliche Weisen, sondern ist selbst durch das Volk weise geworden. So lenkt er ein, gibt zu bedenken, durchschaut wohl die Menschen, doch hat er eines nicht: Macht. Und so bleibt das deus ex machina aus, welches noch ein gutes Ende hätte richten können. Die Königskinder sterben auf halbem Wege zwischen Naivität und Erkenntnis hungers und vor Kälte. Das war für einen der ganz jungen Besucher dann doch zu viel (kein Märchen!).

Jetske Mijnssen und Christian Schmidt haben die »Königskinder« reich ausstaffiert und die sinnbildlichen und symbolischen Märchenelemente reichlich genutzt. Gänse und Tauben dürfen da nicht fehlen, sogar eine Katze gibt es, allerdings eine orangene, keine schwarze (keine Hexe!), die von Tänzerinnen der Ballettschule Semper mobilis und Mitgliedern der Kinderkomparserie märchenhaft belebt werden. Das ist nicht »niedlich«, sondern höchst professionell! Ebenso der Kinderchor (Claudia Sebastian-Bertsch). Wie immer vorbildlich der Opernchor, vorbereitet von Wolfram Tetzner. Elsa Bernsteins Text bietet jede Menge Drama, Spannung und Figurenbeziehungen. Engelbert Humperdinck hatte das schnell erkannt – dies war auch der Grund, daß er statt der angeforderten Bühnenmusik und ein paar Liedern ein Melodram daraus komponierte. Jetske Mijnssen setzt auf diese Spannung und die Figuren und vermeidet eine grobe Umdeutung. Zeitlich legt sie die Handlung in den dreißiger Jahren an (also nach der Entstehungszeit des Stückes, das aber keine konkrete Zeit vorschreibt) und damit in eine für die Dichterin auch persönlich hochdramatische Zeit, in der sich ganz Deutschland in ein Hellastadt verwandelt hatte. (Im Fundus der Ausstatter hatten sich Originalstoffe aus der Zeit gefunden, die für die Kostüme verwendet worden sind.) Und noch eine kleine Änderung gibt es: aus dem Töchterchen des Besenbinders wird bei Jetske Mijnssen der Lehrjunge des Spielmannes. Auch er sieht und erkennt und gibt den vielleicht einzigen Lichtblick. Denn er kann die Lichtgestalt des Spielmannes vertreten und wird in Zukunft einmal sein Nachfolger werden. Kreuzchormitglied Georg Bartsch war über die Erwartungen stark und erhielt dafür mit den größten Applaus des Abends. Die Sächsische Staatskapelle musiziert unter Mihkel Kütson Idyll und Drama – diese Musik ist in Dresden lange nicht zu hören gewesen, doch bereitet das keine Probleme, denn (natürlich) liegen hier die Stärken der Staatskapelle, hier trägt sie das Geschehen und die Sänger.

Christian Schmidts Bühnenaufbau ist raffiniert und läßt sich mit einem Dreh vom Hexenhaus (zugegeben, keine Hütte, ein gediegenes Anwesen) in eine repräsentative Halle Hellastadts verwandeln sowie wieder zurück in die Ruine des geschändeten Hexenhauses. Ein durchs Fenster reichender Lindenbaumzweig erinnert an Christian Schmidts »Meistersinger« vor sieben Jahren (damals war es ein blühender Fliederzweig). Doch bedenkt man die Anleihen Humperdincks bei Wagner, scheint dieser Rückgriff zulässig und zudem viel besser gelungen als damals.

Die »Königskinder« als »handwerklich sauber inszeniert« oder gar »brav« zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Jetske Mijnssen debütiert mit einer geradlinigen Regiearbeit an der Semperoper, die zum Mitdenken einlädt und oft auf den zweiten Blick setzt, wenn Märchenbilder von der suggestiven Kraft der Szene überlagert werden. Ein wichtiger Beitrag zur Königskinder-Renaissance, keine Weihnachtsoper und – kein Märchen!

20. Dezember 2014, Wolfram Quellmalz

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