Märchenhaft! Rossinis »La Cenerentola« an der Oper Chemnitz

Ab November kommen Sie verstärkt auf die Bühne: die Märchen. Ob nun im Theater, als Ballett oder als Oper, ob mit einem Weihnachtsbezug oder nicht – zur Advents-, Weihnachts- und Winterzeit gehört das einfach dazu. (Über manche Aufführung von »Hänsel und Gretel«, die ja gerade nichts mit Weihnachten zu tun haben, habe ich mich erregt – auch in Chemnitz!) Da ist »Aschenputtel« zumindest im Vorfeld mit weniger Konflikten behaftet.

An der Oper Chemnitz feierte rechtzeitig für die Wintersaison Rossinis »La Cenerentola« Premiere. Und wie – das ist atemberaubend! Rossini schrieb eine Musik, die wie Champagner ist, Kobie van Rensburg hat nun eine Inszenierung geschaffen, die diesem Charakter entspricht. Mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts, charmantem Witz und sprudelnden Ideen setzt er die Geschichte von Angelika (so Aschenputtels richtiger Name) um wie noch niemand vor ihm. Im Programmheft steht neben seinem Namen schlicht »Inszenierung und Video«, doch muß man hier umdenken, vor allem, was den Begriff »Video« angeht. Denn im Gegensatz zu vielen Kollegen, vor allem solchen, die vom Film kamen und meist nur »ihr« Medium ins Bühnenbild integrierten, wo dann Videoausschnitte oder Bilder als Kommentar zur Szene liefen, schafft Kobie van Rensburg mit Projektionen eine ganze Welt. Zusammen mit seinem Inszenierungsteam (Bühne: Steven Koop, Kostüme: Kristopher Kempf) baut er die einzelnen Bilder mit nur wenigen Requisiten zusammen: ein Bett, ein Stuhl, eine Bühne. Das meiste entsteht durch bewegliche, dynamische Projektionen. Nicht nur, daß sich die Bilder, also die Orte, ändern, auch die Zeit hat ihren Fluß. Wind bewegt die Vorhänge, Deckenleuchter schwanken, Staubflocken tanzen in Sonnenstrahlen (!) – diese Inszenierung ist reich an liebevollen Details! In einer Traumsequenz fliegt man über die Dächer und Türme der schlafenden Stadt oder – diesmal wirklich ein Film-Video – mit Don Ramiro im Luftschiff durchs Gewitter. Einen guten Überblick verschaffen Ansichten aus der Vogelperspektive. Zudem lassen sich damit – im Schlafzimmer Don Magnificos zum Beispiel – neue Sichtweisen gewinnen, die manches aufdecken.

Das Luftschiff wie die Kutsche des Prinzen gemahnen an die Pionier- und Entdeckerzeit der Zeppeline, aber auch an Luxusausstatter, Gewänder und Räume sind alt-ehrwürdig und prachtvoll (wobei im Palast des Don Magnifico Farbe bröckelt und Tapeten rissig sind). Einer der tollsten Kniffe aber ist, daß es keine Übertitel gibt – zumindest nicht so, wie man sie gewohnt ist: über der Bühne auf einer Tafel. Statt dessen integriert van Rensburg den übersetzten gesungenen Text ins Bühnenbild und nahe an die Person, die ihn singt. Dabei strafft er ihn manchmal, ohne das ganze Stück zu modernisieren. Da schweben schon einmal Frage- oder Ausrufungszeichen über den Köpfen, wenn es Verwirrung gibt, und Aschenputtel sagt, als sie Don Ramiro kennengelernt und sich verliebt hat, ganz herzhaft »Sch…, jetzt hab‘ ich’s verbockt!« (»Miststück!« sagt an anderer Stelle Don Magnifico.) Sogar das Einblenden des Textes ist inszeniert, hat einen »Auftritt«: Er schwingt, wirft Schatten, zerbröselt (so wie die Hoffnung) oder wirbelt, wenn dazu Koloraturen gesungen werden.

Auch schön: Clorinde und Tisbe sind in Chemnitz keine plumpen, häßlichen und dummen Stiefschwestern, sondern durchaus schön – nur eben vollkommen überdreht und exaltiert. Doch sind beide eben auch nicht uncharmant. Mit diesem Plus, das für die ganze Inszenierung gilt, behält der Witz seine Leichtigkeit und verfällt nicht in geistlose Blödelei. Mit Randall Bills hat man einen »Strahlemann« als Don Ramiro nach Chemnitz geholt, der von vornherein als Sieger auftritt. Dieser Tenor verbreitet Weltstaratmosphäre! Sein Diener Dandini (Andreas Kindschuh) steht ihm in nichts nach. Schlitzohrig, ein Schalk – geschmeidig und biegsam in Stimme und Spiel übernimmt er – auf Anweisung des Prinzen – vorrübergehend dessen Rolle. Als Elvis-Verschnitt zeigt er Übermaß und Genuß am Spiel, wobei Don Magnifico (Matthias Winter), Clorinde (Franziska Krötenheerdt) und Tisbe (Tiina Penttinen) natürlich das Übermaß für angemessen und bare Münze (diese Aussicht ist ganz wesentlich für Don Magnifico) halten. Demgegenüber ist Cordelia Katharina Weils Cenerentola der Liebreiz in Person – auch hier mit Charme und ohne Langeweile. Kouta Räsänen als Magier, der über den Dingen, über allem steht (und den humanistischen Ansatz des Stückes wahrt), komplettiert das formidable Ensemble. Die Robert-Schumann-Philharmonie entfesselt unter der Leitung von Felix Bender die Champagner-Musik prickelnd und lebendig.

Kobie van Rensburg gelingt das Kunststück, sein Tempo durchzuhalten. Die Inszenierung verliert im Laufe des Abends nicht an Unterhaltungswert, sondern bleibt spannend und spritzig. Wenn die »Neuen (musikalischen) Blätter« auch keine »Inszenierung des Jahres« küren, so gebührt der Oper Chemnitz für »La Cenerentola« zumindest eine Nominierung dafür!

23. Dezember 2014, Wolfram Quellmalz

»La Cenerentola«, weitere Informationen und Termine zwischen Januar und April unter http://www.theater-chemnitz.de/sparten/oper/premieren/201415/cenerentola.html

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