Ein Abend – zwei Hälften

Hermann Bäumer debütiert im Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Das ist immer eine vertrackte Sache mit den Programmen: verdreht man sie, kann es das ganze Konzert verändern – oder hätte es ändern können. Am gestrigen Dienstag wäre es vielleicht besser gewesen, die beiden Konzerthälften zu tauschen, denn recht unterschiedlich war der Eindruck. Auf dem Papier war es aber sinnvoll, mit einer Ouvertüre zu beginnen. Engelbert Humperdincks »Dornröschen« war es diesmal, was daran erinnert, daß dieser Komponist mehr als nur »Hänsel und Gretel« geschrieben hat. (Allerdings hat die Semperoper derzeit auch die »Königskinder« im Spielplan*.) Eine Märchenwelt baut sich hier auf, Horn, Klarinette, Harfe, Oboe und Streicher – das schwebt, kann aber auch, vor allem mit Tuba und Posaunen, romantisch »satt« klingen.

Nach diesem Einhören – mehr war es dann doch nicht – spielten die Musiker der Staatskapelle Max Bruchs Konzert für Klarinette, Viola und Orchester e-Moll. Und hier – wie bei Humperdinck – gilt: endlich einmal etwas anderes. Auch Bruch hat mehr geschrieben, mehr als nur die »Schottische Phantasie« oder 1. Violinkonzert. Wolfram Große und Andreas Schreiber sorgten für sehr klangschöne Soli. Was die Stimmlagen erwarten ließen, erfüllte sich hier: gedeckte, getupfte Farbenklang, kein Rausch. Larmoyant über gezupften Celli schwebend spielten Viola und Klarinette miteinander – sehr schön! – ein Duo, kein Duell. Die ersten beiden Sätze kamen bedächtig, auf Schönheit bedacht, daher, seidig, aber auch ein wenig matt. Im dritten Satz Allegro molto dann trumpft Humperdinck doch noch auf und läßt die Zügel schießen. Fanfaren und Tusch-Figuren beleben das Spiel, erst nach einer kleinen Orchesterintroduktion fallen die beiden Solisten ein, und am Ende ist die Klarinette etwas obenauf. Da wird das Konzert doch sehr lebendig – ein richtiges Finale, doch scheint auch irgendwie gebremst, lebt von den Impulsen der Solisten und des Konzertmeisters (Kai Vogler). Hermann Bäumer, der in Osnabrück und Mainz an Ausgrabung und Vermittlung viel erreicht hat und von dessen Jugendarbeit man sich in Dresden schon überzeugen konnte, als er die Akademie des Moritzburg Festivals leitete, schien sich in den behaglichen Werken unbehaglich zu fühlen, die souveräne Hand, die den Funken auslösen kann, fehlte ihm hier.

Ganz anders nach der Pause: Mit Darius Milhauds »Le bœuff sur le toit« und Maurice Ravels »Ma mère l’oye« gab es zwei launige Erzählerstücke, die die Formen und Genres mischen. Gerade Milhauds Musik weitet sich zur Groteske aus, eigentlich spielt da nicht ein Orchester, sondern zwei oder drei bzw. Instrumentengruppen, und das auch gegen- oder scheinbar unabhängig voneinander. Das ist schräg, macht Spaß, auch der Staatskapelle. Volltönend kann hier das Blech beeindrucken, kichern und trillern die Holzbläser, doch die größten Schelme sitzen wohl unter den Streichern…Wie Hermann Bäumer hier die Gruppierungen sortiert, die »Rhythmusgruppen« bündelt, das hat Pfeffer!

Derart belebt können sich auch Ravels stimmungsvolle Episoden entwickeln. Ob orientalische Beschwörungsformeln der Flöte, ein bedächtiger Walzer der Schlaftrunkenen oder das Erwachen bei Sonnenaufgang (bzw. wenn jemand im Tanzlokal die Fensterläden öffnet und den längst begonnenen Tag hereinläßt) – so schön kann die Staatskapelle funkeln!

11. März 2015, Wolfram Quellmalz

* Die Premierenkritik zu den Königskindern finden Sie hier: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2014/12/21/ihr-sucht-einen-fuhrer-furchtet-ihn/

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