»Amerika« – Literaturadaption nach Franz Kafkas Romanfragment am Dresdner Schauspielhaus

Buch und Inhalt

Nach Max Brod, dem Freund und Nachlaßverwalter Franz Kafkas, eröffnet »Amerika« eine »Trilogie der Einsamkeit«, zu der auch »Der Prozeß« und »Das Schloß« gehören. Wie diese blieb »Amerika« bzw. (Einträgen Kafkas folgend heute oft so genannt) »Der Verschollene« ein Fragment.

Karl Roßmann, der naive Held, wird ist einer ständigen Bedrängung und Unterdrückung ausgesetzt, findet sich aber auch mit der Unschuld des Naiven in jede Situation, gewinnt Raum, verzweifelt nicht. Kafka wollte – den Worten Max Brods zufolge – das letzte Kapitel, welches im »Naturtheater Oklahoma« spielt, versöhnlich enden lassen.

Eine wirklich positive Grundstimmung wohnt dem Roman nicht inne. Im Gegenteil sind die geschilderten Erlebnisse beklemmend, möchte man Karl Roßmann zu Hilfe eilen, ihn befreien. Der Held schlittert von einem Dilemma ins nächste, kommt von falschen »Freunden« nicht los, die Verbindung zu den rechten wird immer wieder gekappt. Ist das Schicksal oder Unvermögen? »Täppischkeit«, Naivität? Quasi in einer Umkehrung Dickensscher Zufälligkeit trifft Karl Personen, mit denen ihn wichtige Beziehungsfäden verknüpfen, einmalig oder immer wieder. Allen voran »Delamarche« und »Robinson«, zwei Halunken, die ihn ausnutzen. Zunächst lassen sie sich aushalten, bereichern sich an Karls Habe, später bringen sie ihn – durch Dummheit und Dreistigkeit – nicht nur um seine Stellung, sondern auch in Konflikte. Stufe um Stufe schreiten Verlust und Abstieg des Karl Roßmann voran, verliert er Koffer, Kleidung, Geld und Papiere, gerät tiefer in eine Abhängigkeit und Ausweglosigkeit – und doch verzweifelt er nicht! Der Leser mag mitunter bangen, ob sich Karl nicht gleich vom Balkon stürzen werde. Nur die Zahl der folgenden Seiten scheint eine Garantie, daß er es wohl nicht tut. Im Gegensatz zu Dickens, wo dem Helden am Ende Gerechtigkeit widerfährt, scheint in »Amerika« eine versöhnliche Auflösung kaum möglich. Immer kleiner werden die Erfolge, immer geringer die »gesicherte Stufe«, der Platz, den Karl Roßmann die Menschen, Amerika, zuweisen. Ein beklemmendes Buch!

Die Adaption

Wie das ganze auf die Bühne bringen? Eine Umarbeitung muß verschiedene Punkte berücksichtigen: die Brüche und Lücken, die sich zwangsläufig aus dem Fragment ergeben sowie die Rezeption. Manche der Brüche erscheinen geringfügig. Karl Roßmann wird zum Beispiel zu Beginn des Romanes als sechzehnjährig bezeichnet. Als er nach mehrmonatigem Amerikaaufenthalt in das Hotel »Occidental« kommt, gibt er dagegen Auskunft, erst im nächsten Monat sechzehn Jahre alt zu werden. Unwesentlich scheinbar, kann das halbe (oder ganze) Jahr aber die Unschuld des Helden betonen. Andere Brüche sind größer und schwerer zu überbrücken oder zu erklären, ohne das Werk zu ändern. Beispielsweise ist das Ende der Beziehung Karls mit Delamarche und Robinson nicht beschrieben. Nach der Lücke lernt der Leser nur den ersten Teil des Schlußkapitels kennen: hier bewirbt sich Karl um die Aufnahme ins Naturtheater Oklahoma. Diese Aufnahme wird ihm gewährt, wenn auch wieder mit Hindernissen – seine Ausweispapiere fehlen, eine Ausbildung hat er nicht, nur eine (in Europa) begonnene Schulbildung. Hier trifft Karl Roßmann auch eine Bekannte wieder – Fanny. Doch wer Fanny ist, wie sie zu Karl Roßmann steht und welche Rolle sie spielen soll, hat uns Franz Kafka leider nicht hinterlassen.

Max Brod haben wir die Bewahrung des Fragmentes zu verdanken (Kafka hatte eigentlich verfügt, es zu verbrennen), gleichzeitig hat er aber auch mit und nach der Herausgabe die Rezeptionsgeschichte maßgeblich beeinflußt. So beruft er sich bei Entscheidungen, und seien es Titel, auf Gespräche mit Franz Kafka, indes – wir wissen es nicht.

Die Dresdner Inszenierung

Schon Pavel Kohut und Ivan Klíma haben sich der Herausforderung angenommen und eine Theaterfassung des Stoffes erarbeitet, die jetzt von Regisseur Wolfgang Engel am Dresdner Schauspielhaus aufgegriffen wurde. Ausstatter Olaf Altmann hat für die ersten fünf im Buch beschriebenen Orte der Handlung ein Bild geschaffen: ein überdimensionales Rad. Nur die letzten beiden Bilder, die nach der Lücke des Manuskriptes mit der Aufnahmeprozedur für das Theater einsetzen, finden auf einer leeren Bühne statt.

Das Rad dreht sich, sorgt für Veränderung und Bewegung, und zeigt vor allem eines: den bedrängten, ständig unterdrückten Menschen Karl Roßmann (Jonas Friedrich Leonhardi), der permanent gezwungen ist, mitzuhalten, sich anzupassen. Und selbst wenn das Rad steht, steht nichts still, denn immer ist jemand da, der Karl etwas aufdrängt oder -trägt. Oft sind diese Personen im oberen Teil des Rades, während Karl unten sitzt, liegt oder steht, oder sie kommen auf ihn zu, stürmen auf ihn ein – eine ständige Bedrängnis. In nur zwei Stunden raffen Wolfgang Engel und sein Team die Handlung zusammen. Und das bei einem Text, der viele Gedanken, Selbstgespräche und Dialoge enthält. Um die Handlung verständlich und plausibel zu gestalten, werden teilweise Textpassagen gesprochen, als würden sie vorgelesen, oder Personen in den Mund gelegt. Das klappt im großen und ganzen auch gut, nur an einigen Stellen, wenn etwa der Oberkellner Gedanken und die Handlungsweise Karls, die im Buch beschrieben sind, demselben als Anweisung vorsagt, hakt es (was aber auch auf die Bearbeitung durch Kohut und Klíma zurückzuführen ist).

Immer wieder wird die Szene akustisch ausgemalt (Musik und Geräusche: Thomas Hertel). Ob es die Atmosphäre des Hafens ist, das permanente Surren der Fahrstühle im Hotel, klingelnde Telephone oder die Musik, wenn Karl Roßmann eigentlich Klavier spielt (er spielt ein Luftklavier, denn auf der Bühne steht keines) – immer gibt es den passenden »Sound«. Und diesmal paßt er, trägt wesentlich zur beklemmenden, hektischen, getriebenen Atmosphäre bei. Jonas Friedrich Leonhardi spielt einen vorsichtigen, naiven, gutherzigen Menschen, doch wäre es falsch, Karl Roßmann als einfältigen Simpel abzustempeln. Kafka tat es nicht, Leonhardi auch nicht. Karl ist ein nach Halt Suchender, will ankern, allein die Umgebung scheint feindlich, heimtückisch, zieht ihm den Boden unter den Füßen weg.

Da wäre sein Onkel, den er zufällig wiedertrifft, der ihm eine Welt offenbart, sie ihm aber auch wieder nimmt. Großzügig und freigiebig, aber auch engherzig und sich hinter Prinzipien verschanzend. Mit offenen Armen empfing er den Neffen, aber nicht mit offenem Herzen, sonst hätte er ihn nicht so schnell verstoßen. Immer wieder trifft Karl auf Delamarche (Benjamin Paquet) und Robinson (Philipp Lux). Alle anderen Begegnungen sind einmalig – austauschbar? Immergleich? Das will uns wohl Regisseur Engel vermitteln, der sämtliche Rollen mit sieben (!) Schauspielern besetzt hat. Christian Clauß und Duran Özer, Torsten Ranft und Thomas Schumacher sind deshalb ebenso wie Benjamin Paquet und Philipp Lux in Vielfachbesetzung zu erleben. Ein Marathon – wenn man die geraffte Handlung bedenkt – des ständigen Wechsels und Umschlüpfens, innerlich wie äußerlich – Hut ab! Das ist grandios gespielt, zumal sämtliche Charaktere in dieser komprimierten Darstellung zum extremen neigen. Daß die Schauspieler dabei auch in Frauenrollen und -roben schlüpfen müssen, läßt sich aus dem Stück dagegen schwer erklären (aber auch das gehört zur Bearbeitung Kohuts und Klímas). Dennoch ist Christian Clauß auch als herbe-androgyne Klara Pollunder und als schlichtes Mädchen, als »Bohnenstange« Therese Berchthold großartig. Duran Özer stattet vor allem die impulsiven, lebhaften Männer, Herrn Pullunder und den Oberportier, mit Fröhlichkeit, Freßsucht und Heimtücke aus (und trennt dennoch beide Figuren scharf), seine Pensionswirtin ist herrisch und – schon wieder! – herbe. Weniger glücklich waren dagegen die Oberköchin sowie die Sängerin Brunelda, was jedoch weniger dem Spiel Torsten Ranfts als der diktieren Rollenauslegung und den Kostümen (Nehle Balkhausen) geschuldet ist. Grob, zotig, derb (nicht herb) gerieten diese Figuren, was sich bei Kafka bestenfalls und nicht in dem Maße in die Rolle Bruneldas interpretieren ließe. Die Oberköchin dagegen, eine aus Wien ausgewanderte resolute und geradlinige »Hausmutter«, welche Karl eigentlich helfen möchte, wird hier vollkommen umgedeutet. Schlimmer noch: ihre lüsternen Blicke und Lippenlecken geben dem Stück eine andere Richtung – zotig, vulgär, komisch (schon wieder!). Zweimal kommt sie, den Drehbewegungen des Rades folgend, auf Karl zu liegen – die Theaterbesucher amüsieren sich. Doch ist dies nicht die einzige Szene, die offen und vulgär auf sexuelle Übergriffe anspielt. Noch schlimmer wird es, wenn die übergewichtige, quellende Brunelda auftritt. Dem Grotesken fehlt hier der Geist, das psychologische, beängstigende – das »Kafkaeske«. Den Begriff – ich hätte ihn sonst vermieden – greift Jonas Friedrich Leonhardi gleich zu Beginn auf, als er das Stück unterbricht und auf das »Schwert« der Freiheitsstatue kommt, das so in Kafkas Text steht, obwohl es doch real gar nicht existiert. Auch am Ende kommentiert Karl (bzw. Leonhardi) erneut, daß das Stück zu Ende sein.

Von dem Beispiel Brunelda abgesehen sind die Kostüme einfallsreich und hervorragend. Sie konzentrieren die Farben in einer schwarz-weiß-grauen Umgebung auf die Figuren – was zum Konzentratcharakter der Inszenierung paßt – und spiegeln gleichzeitig die ausgeprägten Moden einer schnellebigen Gesellschaft wieder.

Das Ende gestaltet Wolfgang Engel ohne Abschluß oder »Lösung«. Dabei wird – schade! – die unerklärbare Fanny schlicht zur Therese umbesetzt, die nun wieder auf Karl trifft. Das letzte Bild in Kafkas Fragment endet mit dem Blick aus dem Eisenbahnabteil eines fahrenden Zuges. Wie schon an anderen Stellen des Stückes wird der Text nur noch vorgelesen. Das Ziel – das Theater – ist bekannt, doch keiner der Anwesenden hat es bisher gesehen. Was kommen wird – ist offen.

29. April 2015, Wolfram Quellmalz

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