Kann Musik Blätter hervorlocken?

Manchen Stücken möchte man die Kraft zusprechen, daß sie etwas bewirken können, etwas bewegen, auslösen. Natürlich tun sie das auch, denn Musik berührt uns im innersten, eine direkte, (physikalische) Wirkung ist dagegen umstritten. Zumindest unterstellen könnte man sie, bei Clara Schumanns drei Romanzen. Jörg Faßmann und Masumi Sakagima eröffneten mit ihnen den 7. Kammerabend der Staatskapelle Dresden, streichelten liebliche Frühlingsmotive hervor, doch bargen die drei Stücke nicht nur zarte, sondern auch leidenschaftliche Klänge.

Das Schaffen von Atmosphäre zu verfolgen, ist vor allem dann gewinnend, wenn die Kammermusikpartner so aufeinander abgestimmt sind wie an diesem Abend. Und so legten Jörg Faßmann und Masumi Sakagima gleich nach, mit Felix Mendelssohn Bartholdys Sonate F-Dur. Eigentlich ein unvollendetes Werk, denn Mendelssohn hatte es nicht fertig überarbeitet und auch nicht freigegeben. Auch wenn es dem strengen eigenen Komponistenmaßstab nicht genügte, so war es doch – ein Blick in die »Komponierwerkstatt« – ein Erlebnis. Fröhlich, erwachend, aufstrebend (auch hier lassen sich Frühlingsmotive unterstellen) begann schon der erste Satz, dessen Regheit der ganzen Sonate auf den Weg gegeben blieb. Jörg Faßmann und Masumi Sakagima und brachten die verwobenen Motive jubilierend zum Klingen, um anschließend den Klang ruhigen Nachdenkens zu gestalten (zur Erinnerung: der 28. April gilt auch als »Tag gegen Lärm«). Auch der letzte Satz, nun wieder ein brillantes Assai vivace, bewahrte diese Ruhe, klang niemals triumphierend, sondern war von pulsierender Leichtigkeit.

Die Überraschungen und Neuentdeckungen gab es nach der Pause: Sofia Gubaidulinas »Concordanza« von 1971. Mit fünf Streichern, Holzbläsern, Horn und Schlagwerk (jeweils einfach besetzt). Ganz anders als das im letzten Aufführungsabend gespielte, anspruchsvolle »Warum?« nimmt »Concordanza« den Zuhörer quasi an der Hand und führt ihn in einen Traum(klang)wald, in dem viele Stimmen und Töne erwachen, rufen. Das ist – im Gegensatz zu vielen Werken, die aus menschlicher oder politischer Bedrängnis entstanden sind – nie beklemmend, vielmehr lud es zum Staunen ein. Bläser und Streicher schaffen zunächst einen musikalischen Nebel, in dem dann der Kontrabaß (Christoph Bechstein) ein kurzes Solo anstimmt, woran sich nach und nach jeder der Musiker anschließt. In dieser Traumwelt wird der Zuhörer dann irritiert, wenn die Bläser Zischlaute rufen – es scheint aber eher auf Aufmerksamkeit als auf Verscheuchen hinzuzielen. Vielleicht wollten sie vom Xylophon (Christian Langer) ablenken, das nun eine Traumsequenz begann… Petr Popelka war für das Werk als Dirigent eingesprungen und navigierte seine Kollegen und das Publikum mit feinem Gespür durch den Traum(klang)wald und wieder heraus.

Mit Franz Berwalds Septett B-Dur fand der Abend einen schönen Abschluß. Anspruchsvoller und vielgliedriger als in Serenaden formte der Schwede ein Stück mit (beinahe) sieben eigenständigen Stimmen, die den klassischen Formen naheblieben, aber voller Ideen stecken. Da trat auch der Kontrabaß aus dem Hintergrund hervor, vereinigten sich Klarinette (Jan Seiffert), Fagott (Thomas Engelhardt) und Horn (Robert Langbein) zu ganz neuen Klängen, steuerten die Baßinstrumente immer wieder Melodien bei. Voller Lebhaftigkeit und Lebhaftigkeit gestalteten die Musiker auch den dritten Satz, daß man beinahe an eine Ballettmusik erinnert gewesen ist.

30. April 2015, Wolfram Quellmalz

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