Vielstimmig und ausdrucksstark

Kammerabend mit dem Opernchor

Zum 4. Kammerabend hatte der Tonkünstlerverein am Montag nicht nur instrumentale Gäste, sondern zwei Gesangssolisten und den Sächsischen Staatsopernchor eingeladen. Jana Büchner (Sopran) und Andreas Scheibner (Bariton) interpretierten, begleitet vom Eden Quartett Dresden (Anette Thiem und Ulrike Scobel – Violinen, Cornelia Schumann – Viola und Andreas Priebst – Violoncello) Hans Auenmüllers »Gesänge aus der Arche Noah«. Diese elf Gebete Carmen Bernos de Gasztolds rücken nicht nur die Kreaturen der Göttlichen Schöpfung und die Frage nach der Sinnfälligkeit des Lebens in den Mittelpunkt, sondern bergen in Auenmüllers teilweise lautmalerischer Vertonung auch Witz und Groteske. Neben einem hufetrappelnden Gaul und einem unkonzentrierten Schmetterling huschte die Gefahr des »Teufels mit den grünen Augen« (Gebet der Maus) durch die Semperoper. Während Jana Büchner klangschön und malerisch gestaltete, war der oft deklamatorisch vorzutragende Text der Sopranisten kaum zu verstehen. Im Gegensatz dazu zeigte sich Andreas Scheibner als wahrlich fabel-hafter Gestalter – wie er das Krächzen des Raben illustrierte, ohne wirklich zu krächzen, war genial.

Während einzelne Gesangssolisten in Liedern immer wieder einmal in den Kammerabenden der Staatskapelle zu erleben sind, sind Auftritte des Opernchores ein geradezu extravagante Ergänzung des Programmes. Wohl im Hinblick auf den einhundertsten Todestag Max Regers sowie die bevorstehenden Gedenktage der Zerstörung Dresdens hatte man sich für ernste Gesänge entschieden: neben drei Stücken aus Regers »Acht geistlichen Gesängen« op. 138 Johannes Brahms‘ Motette »Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen« op. 74 Nr. 1 sowie Peter Cornelius‘ Requiem »Seele, vergiß sie nicht«. Jörn Hinnerk Andresen legte das Gewicht der Interpretation klar auf den Gehalt der Texte. Regers »Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit« gestaltete der Opernchor mit betörender Schlichtheit, die dem Gedanken folgte, ohne niederdrückend zu werden. Aber auch sein »Morgengesang« und »Die Nacht ist gekommen« waren von meisterlicher Klarheit.

Diese Meisterschaft blieb auch in Brahms‘ op. 74 spürbar, das im Charakter doch so unterschiedlich ist. Auf Kirchenlieder und Madrigale zurückgehend, sind hier durch polyphone Wendungen, Dissonanzen und rhythmische Betonungen starke dramaturgische Akzente gesetzt. Auch Brahms‘ Zeitgenosse Peter Cornelius hat eine differenzierte Musiksprache gefunden, in welcher der Opernchor mit den mehrfach wiederholten und betonten Zeilen »Seele, vergiß sie nicht, | Seele, vergiß nicht die Toten!« erneut zur ergreifenden Schlichtheit des Chorgesanges zurückkehrte.

Begonnen hatte der Abend mit einem dem Chorgesang wohl nahestehenden Streichquartett. Denn Rudolf Mauersbergers Werk RMWV 449 (fis-Moll), zwischen 1918 und 19 geschrieben, läßt sich zwar formal der Spätromantik zuordnen, vielmehr scheint es aber, als habe der Komponist auch hier einem gedanklichen Gehalt (oder sogar Text) gegenüber der äußeren Form den Vorzug gegeben. Dabei behandelt er die vier Stimmen auch in ihrer Gesanglichkeit meist gleichwertig und entwickelt erzählende und besinnende Episoden – eine Motette für Streichquartett, vom Eden Quartett Dresden mit viel Maß und Feinsinnigkeit wunderbar vorgetragen.

2. Februar 2016, Wolfram Quellmalz

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