Bundesjugendorchester in Dresden zu Gast

»Deutschlands jüngste musikalische Elite« wird das Orchester auch genannt, was heißt: es sind die besten der Schülerinnen und Schüler aus unseren Musikschulen sowie manche Jungstudenten, also jene, bei denen Willen und Erfolge schon mehr als bloße Begabung bewiesen haben. Viele sind gleich mehrfache Preisträger bei Wettbewerben wie »Jugend musiziert«. Zwischen 14 und 19 Jahre alt dürfen sie sein, wenn sie sich für das Bundesjugendorchester bewerben, wer dazugehört, zählt mit 21 schon zu den »alten«. Den Stellenwert des Orchesters erkennt man auch daran, mit welchen Dirigenten (Sir Simon Rattle, Herbert von Karajan, Kurt Masur, Gerd Albrecht, Gustavo Dudamel) und Solisten (Fazil Say, Sting, Christian Tetzlaff, Tabea Zimmermann) es bereits zusammengearbeitet hat. Seit 2013 fungieren die Berliner Philharmoniker als Patenorchester, mit Sir Simon Rattle begann die diesjährige Frühjahrstournee, die übrigen Konzerte begleitet Sebastian Weigle.

Der Begriff der »Tournee« kann durchaus im Maßstab der etablierten Orchester verstanden werden, denn nach dem Festspielhaus in Baden-Baden und der Kölner Philharmonie gastiert das Bundesjugendorchester gleich heute im Berliner Konzerthaus, am gestrigen Montag war es im Konzertsaal der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden zu erleben.

Manche der Programmpunkte lagen Sebastian Weigle vielleicht besonders nahe, der einige Jahre Generalmusikdirektor in Barcelona gewesen ist. Manuel de Fallas Suiten »El Sombrero de Tres Picos« (ursprünglich ein Ballett nach Pedro Antonio de Alarcóns »Der Dreispitz«) dürften ihm bestens bekannt gewesen sein. Und auch Robert Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester op. 86 haben dem ausgebildeten Hornisten sicher am Herzen gelegen. So entfalteten sich de Fallas Suiten denn mit sonnendurchfluteter Lebendigkeit, aus der spanisch-folkloristische Zitate aufglüten. Gebremst hat Sebastian Weigle hier sicher nicht!

Auch nicht in Robert Schumanns Konzertstück, das nicht zuletzt von den Hornisten der Berliner Philharmoniker (Stefan Dohr, Stefan de Laval Jezierski, Andrej Žust und Sarah Willis) profitierte. Als wahres Quartett fanden diese wunderbar mit dem Orchester zusammen, formten raue und fahle Töne, schmetterten ordentlich. Wann erlebt man schon einmal ein Hornquartett im Sinfoniekonzert? Viel zu selten! Als Zugabe spendierten die vier Berliner deshalb Consuelo Velázquesz »Besame mucho como si fuera«.

Das Bundesjugendorchester spielte unter Sebastian Weigle mit viel jugendlicher Verve in einem Programm, das deutlich größere Säle ausfüllt – in Dresden schien es schon ein wenig überdimensioniert. Vierhundertfünfzig Sitzplätze hat der Konzertsaal, etwa einhundert Musiker saßen auf der Bühne, darunter Charlotte Thiele (Violine) und Leopold Rucker (Kontrabaß) aus Dresden. (Zum Kader des Bundesjugendorchesters gehört auch noch Pauline Herold, ebenfalls Violine, aus Pirna.) In Richard Strauss‘ Tondichtung »Don Quichotte« – noch einmal mit spanischem »Fundament« also – wurde es ein weiteres Mal lebendig. Als Solisten waren Ludwig Quandt (Violoncello, ebenfalls Mitglied der Berliner Philharmoniker) sowie Teresa Schwamm (Viola, Armida Quartett) gewonnen worden, die nicht nur hervorragend an ihren Instrumenten sind, sondern auch der Förderung nahestehen. Darüber hinaus hat Teresa Schwamm selbst einmal im Orchester gespielt.

Strauss‘ Episoden vom Ritter von der traurigen Gestalt enthalten viel entrückte Seufzer und Schluchzer, walzerselige Phasen, Lamento und Scherz – Sebastian Weigle animierte das Orchester immer wieder und entlockte seinen Musikern reichlich »Zutaten«.

Ohne Schlußakkord kommt ein solcher Abend natürlich nicht aus – so gab es noch das »Duell« aus Erich Wolfgang Korngolds Filmmusik zu »Der Prinz und der Bettelknabe«. Nur das Orchestermaskottchen, ein Bär, der anfangs noch keck am Dirigentenpult stand, schien etwas geschafft.

5. April 2016, Wolfram Quellmalz

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