Zwei Uraufführungen als Kommentare zu Bach

Konzert der Hochschule für Kirchenmusik

Zu Festen gehört, über den »Tellerrand« des Themas hinauszublicken und Bezüge zu schaffen, auch dann, wenn das Thema (Johann Sebastian) Bach heißt. In ihrem Kantatenkonzert hob die Hochschule für Kirchenmusik am Dienstag den Blick und stellte verschiedene Verknüpfungen von und zu Bach her, etwa durch Max Regers Choralkantate »Meinen Jesum laß ich nicht«. Die beiden wesentlichsten Konzertbeiträge bestanden aber in zwei Uraufführungen, denn die im Programmtitel genannten »Kommentare« bezogen sich nicht auf erläuternde Werkeinführungen oder Textauslegungen, sondern auf poetische Kommentare zu zwei Bachkantaten, welche die Dichterin Carola Moosbach verfaßt und die Komponisten Franz F. Kaem-Biederstedt sowie Matthias Drude vertont hatten.

Kerngedanke des Programmes in der Striesener Versöhnungskirche war die Auseinandersetzung mit einer zentralen Frage in der Religion, nämlich der, welchen Stellenwert wir ihr einräumen. Ist sie Leitbild, Gesetz oder nur noch von historischer Bedeutung? Ganz wesentlich werden die Gedanken um dieses Thema von der Problematik bestimmt, daß unterschiedliche Überzeugungen und Glaubensrichtungen zu zahlreichen Konflikten und Kriegen geführt haben. Texte und Kompositionen sind in ihren Zeiten verankert und spiegeln diese Auseinandersetzung wider – nicht erst in unseren Tagen.

Rahmen und Orientierung, also jene Werke, zu denen die Bezüge hergestellt wurden, waren die beiden Choralkantaten »Herr Christ, der ein‘ge Gottessohn« (BWV 96) sowie »Meinen Jesum laß ich nicht« (BWV 124) und die darin enthaltenen Kirchenlieder. So hat Elisabeth Cruciger, auf deren Text der Choral in BWV 96 zurückgeht, auch für Franz F. Kaem-Biederstedt eine zentrale Bedeutung. Und dies wurde in der Aufführung deutlich, denn der musikalische Kommentar schloß sich ohne Unterbrechung an Bachs Werk an, nahm dessen Schlußakkord auf, ließ ihn aber bald in ein unbestimmtes Flimmern zerfallen. Eine neue Klangwelt wuchs aus Bach heraus, griff dessen Harmonik und Klangsprache aber immer wieder auf. So setzten Piccoloflöte in beiden Werken gleiche Akzente.

Carola Moobachs »Rätselhaftes« stellt in knappen Zeilen einen Gottesbezug her, spannt das Feld von »Mord und Totschlag« bis zum »Mensch aus Liebe«. Das Ende (»So viele Fragen | so mancher Einwand | so kräftige Flamme«) stattet der Komponist mit versöhnlichen und hoffnungsfrohen Klängen aus, womit er Crucigers positive Aussage wiederum aufnimmt.

Matthias Drudes Kommentar zu BWV 124 nach Carola Moosbachs Text »Zusage« fiel – mit Hörnern und Oboen gezeichnet – deutlich dramatischer aus und erfuhr unter den Textzeilen »für Dich wird Platz sein | selbst unter Trümmern« (Duett Tenor / Alt) eine ungeheure Verdichtung.

Mit dem Chor der Hochschule, der auch den Nachhall der Stimmen sinnig zu gestalten wußte, den Solisten Gertrud Günther (Sopran), Britta Schwarz (Alt), Benjamin Glaubitz (Tenor) und Matthias Weichert (Baß) gelangen gedankenvolle Interpretationen, welche die Texte von der Erzähler- auf die Erlebensebene rückten. Vor allem Britta Schwarz und Matthias Weichert belebten mit grandioser Hingabe! Klar und ausbalanciert waren die Dirigate von Markus Kaufmann (BWV 124 als Prüfung), auf welchen im fließenden Übergang Prof. Stephan Lennig folgte.

Magdalena Szesny übernahm in Regers abschließender Choralkantate die Leitung des Publikums, das jetzt den Gemeindegesang beitrug, während Chor, Solisten und die große Jahn-Orgel (wenig nach der Kantate entstanden) von der Empore zu hören waren. Ein wesentlicher Bezug des Abends, der eine musikalische Entsprechung fand, blieb zuversichtliches Nachdenken.

28. September 2016, Wolfram Quellmalz

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