Romantischer Bach

Daniel Hope und Sebastian Knauer bei den Frauenkirchen-Bachtagen

Den Bezügen Johann Sebastian Bachs zu den Geigern der Dresdner Hofkapelle wollten Daniel Hope und Sebastian Knauer am Donnerstag nachspüren. Zwingend war dies allerdings nicht, denn letztlich blieben die Verbindungen (wie zu Johann Georg Pisendel) sehr allgemein, und Werke wie Bachs »Chaconne« wurde an anderen Höfen als Dresden schließlich auch beachtet. Aber Programmtiteln sollte man ohnehin nicht zu viel Beachtung schenken.

Diese (Beachtung) gehörte zunächst Sebastian Knauer, denn beide Partner traten nicht nur im Duo, sondern auch solo auf. Der Pianist begann mit zwei Choralbearbeitungen Wilhelm Kempffs: »Nun komm‘ der Heiden Heiland« und »Jesus meine Freude«. Bedächtig schritt Knauer durch die Werke, folgte der Singstimme darin, näherte sich dem Orgelklang und ließ den ersten Choral in den zweiten hineingleiten – eine schöne Einleitung und Reminiszenz an Wilhelm Kempff. Auch den zweiten Programmteil eröffnete der Pianist, dann mit Präludium und Fuge cis-Moll aus dem »Wohltemperierten Klavier«, Teil 1.

Mit Bachs c-Moll-Sonate BWV 1017 betrat Daniel Hope das Kirchenschiff – und blieb mit seinem Partner etwa in Kempffs Zeit haften, denn sie spielten die Sonate sehr romantisch, weich, süß. Jetzt war es Daniel Hope, der dem gesanglichen folgte und offenlegte, was Bach später in die »Erbarme dich«-Arie hineinlegen sollte. Im Verlauf dämpfte der weichgezeichnete Klang jedoch sehr stark, nahm Konturen, glättete, milderte Präzision, die Klarheit hätte geben können, so daß im abschließenden Allegro bei forciertem Tempo und mehr Dynamik die Stimmen verschwammen.

Für die Chaconne aus der Partita BWV 1004 stand Daniel Hope dann allein vor dem Publikum. Kehlig, kratzig markant begann er den Satz, fiel aber plötzlich in zarte Klänge zurück. Und dieses irritierende Wechselspiel behielt der Geiger leider bei, denn die Gegensätze offenbarten keineswegs Strukturen, sondern nahmen dem Werk die innere Bindung, was gerade dann auffiel, wenn Hope eigentlich mit flüssigem Spiel vorantrieb, dieses aber mit Dynamikwechseln brach. Hinzu kam noch, daß Daniel Hope die Chaconne mit allerlei Effekten auflud, die Violine schnalzen oder schluchzen ließ, Übergänge verschliff.

Eine Entsprechung des romantischen Gestus fanden Daniel Hope und Sebastian Knauer in Johannes Brahms‘ erster Violinsonate – ausgerechnet jenem Werk also, das am wenigsten in den Raum paßte. Denn die intime Atmosphäre der Kammer, etwa wenn die Violine zärtlich gezupft wird, konnte sich hier natürlich nicht (ganz) entfalten. Gleichwohl wußten die beiden Solisten bzw. Duopartner das Werk beseelt singen zu lassen, vor allem die tieferen Lagen des Adagios waren von entrückender Schönheit und verliehen dem immanenten Trauergedanken Seele.

Als Zugabe spielten Sebastian Knauer und Daniel Hope zunächst eine Bearbeitung von Mendelssohns »Auf den Flügeln des Gesanges«, legten aber noch einmal mit Mozart nach. Mit dem Andante Sostenuto aus der Violinsonate C-Dur – ganz ausgewogen jetzt und ohne Schnörkel oder romantische Überladung – gelang ihnen das beste Stück des Abends.

30. September 2016, Wolfram Quellmalz

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