Naturfarben und -kraft

Sir András Schiff und Myung-Whun Chung bei der Sächsischen Staatskapelle

Der ungarische Pianist András Schiff reist gerne mit eigenem Flügel, ja, es kann sogar sein, daß er – für einen Rezitalabend – gleich zwei mitbringt. Für Dresden und Robert Schumanns Klavierkonzert Opus 54 hatte er einen Bösendorfer ausgewählt.

Weich und rund ließ er ihn perlen, besonders in mittleren Lagen und im Baß verströmte der Flügel samtigen Klang, während ihn der Pianist in den höheren Oktaven deutlich rufen, hervortreten ließ. Schumans Klavierkonzert wurde schon mit einem Waldspaziergang verglichen, mit den vielen Geräuschen, Vogelgesängen, aber auch mit dem Eintritt in einen stillen Winkel.

András Schiff und Myung Whun Chung ließen die Naturlieder zwitschern, singen, glänzen, funkelnd springen – ein einziger betörender Gesang! Ganz unprätentiös ließ Schiff Schumann den Vortritt, Chung ordnete das dialogische Ineinanderfließen der Stimmen von Klavier und Orchester – das ging zu Herzen, ohne einen Deut rührselig zu wirken. Vielleicht war das Horn im letzten Satz in ihrem Dialog etwas zu leise – doch so traumverloren und unberührt (jeglicher Manierismen) hört man das Konzert selten.

Für seine wunderbare Vorstellung erhielt András Schiff viel Applaus, er bedankte sich gleich noch einmal mit einem feinen Werk: dem Allegro aus Mozarts Sonata facile (KV 545), hinter die der Pianist geradezu zurücktrat.

Nach diesen seidenweichen, gepflegten, der Natur abgelauschten Klängen entfesselten Chung und das Orchester nach der Pause Gustav Mahlers fünften Titanen. Klar geordnet, nicht nur in den »Abteilungen«, blätterte Chung die Ma(h)lerische Farbenmacht auf. Auch er kam ohne große Gesten oder Manierismen aus – sie wären seiner Natur vollkommen fremd. Mit kleinen Fingerzeigen, sachten Bewegungen lotste der Dirigent das Orchester durch das gewaltige Werk, mühelos und spielerisch. Natürlich hatte er das Werk mit den Dresdnern erarbeitet, doch die Gelassenheit, die Chung verströmte, beeindruckte nicht zuletzt angesichts des gewaltigen Werkes, daß da in der Staatsoper leuchtete.

Während Chung in den Ecksätzen vor allem die Liedanklänge von aller Gewalt befreite, ihnen sagenhafte Bässe gegenüberstellte, erklomm er im dritten Satz einen bizarren Gipfel der Violinpizzicati. Dies schien ein Umkehrpunkt zu sein, innere Einkehr und Besinnung, von der es den Gipfel wieder hinunterging, um gleichzeitig erneut anzuschwellen und im finalen Choral den ganzen Zauber der ma(h)lerischen Struktur zu entfalten.

In den kommenden Tagen wird es dies auch an anderen Orten tun – die Staatskapelle, Chung und Schiff gehen auf Reisen. Luxemburg, Linz und Wien stehen auf dem Programm, dürfen Schumanns romantischer Seele lauschen und Mahlers berstender Polyphonie…

5. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s