Bach in Wort und Musik

Joachim Król und das Württembergische Kammerorchester in der Frauenkirche

Die Frauenkirchen-Bachtage arbeiteten in diesem Jahr mit dem 91. Bachfest der Neuen Bachgesellschaft, das zum zweiten Mal nach 1968 in Dresden zu Gast war, zusammen. Zu den gemeinsamen Veranstaltungen gehörte ein Konzert mit dem Titel »Wort & Musik«. Vielleicht war der Freitagabend vor dem langen Wochenende diesmal ein ungünstiger Termin, weil die einen schon abgereist und die anderen noch nicht angekommen waren – etwas mehr Publikum hätte man sich gewünscht. An den Künstlern kann es nicht gelegen haben, denn Joachim Król ist als Schauspieler und Persönlichkeit anziehend genug und war auch vorab in der Rolle des Lesers von Bach-Beiträgen glaubhaft, daß das Württembergische Kammerorchester eines der besten Gastensembles in der Frauenkirche ist, dürfte sich längst herumgesprochen haben.

Wie schon im Vorjahr schloß das Orchester in seinem Programm ein modernes Werk mit Bach ein, erneut mit einem Brandenburgischen Konzert – diesmal war es Nummer 2. Dazu braucht es allerlei kräftige Bläser, wofür man sich Reinhold Friedrichs (Trompete), Ivan Dankos (Oboe) und Johannes Hehrmanns (Blockflöte) versichert hatte, Zohar Lerner übernahm das Solo der Violine. In alternierenden Rollen als Solisten, im Duo, Trio oder Quartett ließen sie festliches erklingen – passend für das bevorstehende Wochenende, in welches das Publikum mit der abschließenden Orchestersuite Nr. 2 entlassen wurde. Die Suite mit Solistin Gaby Pas-Van Riet (Querflöte) geriet sogar noch etwas strahlender, freier, jubilierender. Daß der letzte Satz, die Badinerie, noch einmal wiederholt werden mußte, war eigentlich zu erwarten. Obwohl es ein wenig schade ist, denn die Flötenliteratur ist groß genug, um eine andere Zugabe zu wählen, aber Gaby Pas-Van Riet ließ es sich nicht nehmen, für die Wiederholung andere Verzierungen auszuwählen. Schon in der Polonaise hatte sie Vogelgezwitscher auf ihrem Instrument angestimmt, während das Orchester bereits die Ouvertüre im schönsten Ebenmaß spielte und gerade mit der Sarabande gediegenen Wohlklang formte.

Ein wenig schade war allerdings, daß – wie so oft – das Orchester im Altarraum stand, denn so erklang Bach manches Mal wie hinter einem Vorhang, weil (beide) Flöten gedämpft klangen oder der Gesamtklang zerfloß (Bourrées der Suite).

Manchmal aber, das sei ausdrücklich erwähnt, hat ausgerechnet dieser Aufstellungsort auch Vorteile: bei Arthur Honeggers Sinfonie – noch einmal ein zweites Werk der Reihe übrigens. Ganz anders als die festlichen, fröhlichen Stücke zuvor und danach ist diese Sinfonie von tragischen, fragenden Gedanken geprägt. Sie erhebt sich in sanften Moll-Klängen fragend (Joachim Król hatte eben seine Lesung mit dem Tod Maria Barbara Bachs unterbrochen), scheint, mit Streicher allein zunächst, den Weg und die Fragen des Lebens darzustellen (Honegger hatte das Werk unter dem Eindruck des besetzten Paris geschrieben).

Dirigent Ruben Gazarian ließ sich diese Episoden langsam und mit Eindringlichkeit entwickeln, wobei sich der Effekt einstellte, daß die Musik im Altarraum zu schweben begann, ihr nach oben steigen hörbar wurde. Dort, auf der Orgelempore, stimmte Reinhold Friedrich den Schlußchoral auf der Trompete an. Im dritten Satz hat das Werk seinen Charakter geändert, den tragischen Ton verloren und verkündet neue Hoffnung.

Honegger hatte sich in seinem Schlußchoral auf Bach bezogen. Einen direkteren Bezug nahm Joachim Król, der in seiner Lesung und Erzählung aus Briefen und Anekdoten die Bachzeit für ein paar Augenblicke zurückholte. In angemessener Betonung und oft mit der rechten Hand in kleinen Gesten etwas unterstreichend faßte er wesentliche Lebensstationen Johann Sebastian Bachs zusammen, seine Nachwirkung und die Bedeutung Dresdens für ihn. Dabei blieb sich der Schauspieler und Hörbuchsprecher treu: nicht der großartige Auftritt zeichnet ihn aus, nicht Pathetik, sondern das bedachtsame, durchdachte Wort. Was hier bedeutete, daß er weder belehrend dozierte noch anekdotisch unterhaltsam war, sondern seinen vermittelnden Blick auf den Menschen Johann Sebastian Bach gerichtet hielt.

1. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

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