Musikalische Sichtweisen

Das Weihnachtswunder über die Jahrhunderte

Am Sonntag lud das Sächsische Vocalensemble mit seinem Adventsprogramm »O magnum mysterium«, das eine Woche zuvor bereits in Dippoldiswalde erklungen war, in die Annenkirche. Der 1996 von Matthias Jung gegründete Chor hat sich über die Jahre zu einem des besten Ensembles der Region entwickelt und zeichnet sich nicht nur durch eine Vielfalt im Repertoire aus, sondern ebenso durch Vertiefung. Somit ist es nicht nur ein häufiger Partner von Instrumentalensembles wie der Batzdorfer Hofkapelle oder den Virtuosi Saxoniae, sondern beteiligt sich auch prädestinierter Partner für Neu- und Wiederentdeckungen.

Zum Adventskonzert im Jubiläumsjahr gewährte das Sächsische Vocalensemble mit einem a-capella-Konzert einen Blick in seinen Werkreichtum, der von einer nahezu 600 Jahre zurückliegenden Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht. Zwischen vier und zwölf Stimmen verteilten sich auf den gemischten Chor, doch ging die Vielgestaltigkeit der Werke weit über solche Zahlenspiele hinaus.

Im ersten Teil wandelte das Vocalensemble vom 15. bis ins 17. Jahrhundert, von Heinrich Isaac bis zum Heinrich-Schütz-Zeitgenossen Andreas Hammerschmidt. In Texten wie »Übers Gebirg Maria geht« und »O lieber Herre« entfaltete der Chor den Kosmos einer Klangwelt, die in sich stimmig, geschlossen, stimmlich ausgewogen war. Gerade aus der Schlichtheit und Sparsamkeit der Mittel folgte oft die Wirkung des zu Herzen oder zum Geist gehenden Gesangs, was eine farbenprächtige Ausgestaltung wie im schallend verkündeten »Machet die Tore weit« ebensowenig ausschloß wie den zunehmenden Jubel in »Nun komm, der Heiden Heiland«. Das Vocalensemble füllte den Kirchenraum mit Klang, entwickelte diesen innigen Fluß, ein musikalisches, belebendes Strömen.

Nach Hammerschmidt und Schütz folgten Werke, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart führten. Sie zeigten einerseits, daß sich viele der Komponisten auf die alten Meister besannen und deren Techniken ebenso wie Melodien und Ideen verarbeiteten und mit ihren Mitteln oder mit dem Gestus romantischer Lieddeutungen vereinten. Dabei öffneten sie auch ihren Blick für neues und fremdes, ohne jedoch den Kosmos des damals zu beschädigen. Sich auf die Tradition besinnend, setzten sie neue Akzente, wovon schon Albert Beckers »Das Volk, das im Finstern wandelt« zeugte. In dem einen Martin-Luther-Text aufgreifenden Werk teilt der Komponist den Chor zunächst in die Frauen- und Männerstimmen, setzt damit Textpassagen gegenüber, bevor er sie im Schluß der Verkündigung wieder zusammenführt.

Verblüffend war, wie selbstverständlich sich der Chor wandelte, wie er sein Maß an Homogenität und Verständlichkeit bewahrte und sich mit Leichtigkeit der gestalterischen Mittel bediente – der Schlüssel lag in der Ausgewogenheit von musikalischer Betörung und Textverständnis. So ließen sich unter anderem die beiden Vertonungen des »Ave maris stella« durch Claudio Monteverdi und Edvard Grieg wunderbar vergleichen – ohne einen »Sieger« zu küren.

Matthias Jung gelang es, mit seinem Chor die verschiedenen Zeiten aufleben zu lassen. Deshalb wunderte es auch nicht, daß dem auf diese Weise aufgeschlossenen Publikum gerade die neuen Werke besonders gefielen. Nach dem Zauber von Günter Raphaels »Maria durch ein‘ Dornwald ging« schloß das Konzert mit Werken zeitgenössischer Komponisten wie John Rutter und Morten Lauridsen. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ wohl Jan Sandströms »Det är en Ros« (»Es ist ein Ros entsprungen«) mit einem Solistenquartett und dem im Kirchenschiff verteilten, wie schwebend singenden Chor.

5. Dezember 2016, Wolfram Quellmalz

Tip: 31. Dezember 2016, Dresden, Annenkirche, 20:00 Uhr, Auftaktkonzert zum 350. Geburtstag des Komponisten Antonio Lotti, Es erklingen die »Missa Sapientiae« sowie das »Dixit Dominus«, Solisten: Barbara Christina Steude | Sopran, Alexander Schneider | Altus, Stephan Scherpe | Tenor, Tobias Berndt | Baß, Sächsisches Vocalensemble, Batzdorfer Hofkapelle, Leitung: Matthias Jung

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