Das andere Weihnachtsoratorium

Philharmonische Chöre in der Frauenkirche

Gleich zwei Weihnachtsoratorien gab es am Freitag mit der Philharmonie zu erleben: Während in der Kreuzkirche Johann Sebastian Bachs erste drei Kantaten mit dem Kreuzchor aufgeführt wurden, erklang in der Frauenkirche Gottfried August Homilius‘ »Die Freude der Hirten über die Geburt Jesu«. Der später hinzugekommene Titel »Weihnachtsoratorium« ist dabei irreführend, da das Werk in Text, Anlage und Form deutlich von dem abweicht, was man gemeinhin erwarten würde. So sind die Evangelistenberichte bei weitem nicht so dezidiert, auch die Orchesterbegleitung ist in ihrer reichen Ausgestaltung näher an Haydn als an Bach – schön, daß Homilius‘ Weihnachtsoratorium wieder wahrgenommen wird und keine exotische Ausnahme der Advents- und Weihnachtszeit ist.

Gunter Berger leitete den Philharmonischen Chor, dem der Text manchmal (wie gleich im Eingangschor) etwas verschwamm, der aber vor allem mit Farbigkeit und Ausdruck überzeugte. Das ergänzende Solistenquartett (Anna Palimina – Sopran, Ursula von den Steinen – Alt, Benedikt Kristjánsson – Tenor und Tobias Berndt – Bariton) fügte sich harmonisch ein, wobei vor allem Benedikt Kristjánsson und Tobias Berndt mit Diktion und Stimmfärbung beeindruckten. Berndt beherrschte nicht nur den klaren Erzählerton, sondern vermochte auch das Frohlocken der Engel mit angenehmer Süße verführerisch anzureichern. Bei Kristjánsson wiederum bestach vor allem dessen energiegeladene Verkündigung. Die Philharmoniker um Heike Janicke spielten farbenreich, allerdings mit ein paar Unsicherheiten bei den Blechbläsern.

Da Homilius‘ Oratorium recht kurz ist, hatte man ihm ein Programm mit dem Philharmonischen Kinderchor vorangestellt. Hier schwieg die Philharmonie weitestgehend, da die meisten Werke a capella oder nur mit Orgelbegleitung vorgetragen wurden. Denny Wilke durfte den Abend jedoch auf dem großen Instrument von Kern mit Johann Sebastian Bachs Orgelchoral »Nun komm, der Heiden Heiland« (BWV 659) beginnen. Licht in der Registrierung war dies eine ruhige, besinnliche Einleitung, an die Gunter Berger Michael Praetorius Choralsatz des gleichen Stückes direkt anschließen ließ. Der Kinderchor ist derzeit beinahe ein Mädchenchor, besonders hell im Klang, wirkte aber dennoch ausgewogen und ließ gerade in der Verständlichkeit keine Wünsche offen. Mit »Maria durch ein‘ Dornwald ging« und »Es ist ein Ros entsprungen« blieb das Programm zunächst beim klassischen Weihnachtsrepertoire, weitete dieses dann aber auf. Javier Bustos »Magnificat« fiel mit seinen vielen Wiederholungen einzelner Zeilen oder Wörter etwas aus dem Rahmen und schien im Vergleich mit den mehrchörigen Werken beinahe simpel, dagegen erwiesen sich »Gloria« und »Halleluja« von Richard Rudolf Klein als reizvolle Wiederentdeckung.

Das sehr bunte Programm (hier waren es vielleicht doch gar viele unterschiedliche Farben) schloß auch Mykola Leontovichs „Carol of the Bells“ ein, enthielt aber auch solche Schmuckstücke wie das „Laudate Pueri Dominum“ des genialen Michael Haydn.

10. Dezember 2016, Wolfram Quellmalz

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