Feinste Quartettkunst

5. Kammerabend des Tonkünstlervereines

Mitte der Woche lud die Sächsische Staatskapelle zum Kammerabend in die Staatsoper. Zu Gast war das Dresdner Streichquartett, bestehend aus den Kapellmitgliedern Thomas und Barbara Meining (Violine), Andreas Schreiber (Viola) und Martin Jungnickel (Violoncello), die seit über fünfundzwanzig Jahren neben ihrer Orchesterstelle eine feste Formation bilden. Von »nebenbei« kann jedoch keine Rede sein – wovon schon Einladungen erster Konzerthäuser zeugen. Und »nebenbei« spielt man Beethoven oder Schubert eben nicht, im Gegenteil: heute gibt es so viele gute (hauptberufliche) Quartette, auch aus dem Nachwuchsbereich, daß, wer eben mal schnell »Der Tod und das Mädchen« oder ähnliches auflegt, Gefahr gerät, uninspiriert zu klingen, sich zu blamieren.

Das Dresdner Streichquartett hatte gleich drei große Werke mitgebracht: Die »L’Introduzione« aus Joseph Haydns »Die sieben Worte unseres Erlösers am Kreuze«, eines der späten Beethoven-Quartette (a-Moll, Opus 132) sowie Dmitri Schostakowitschs neunten Beitrag zur Gattung.

Nicht nur Beethoven und Schubert sind Prüfsteine – die scheinbar so »leichten« Mozart und Haydn sind es ebenso. Doch der Sorge (die wohl eigentlich keiner gehabt haben mag) einer uninspirierten Aufführung »vom Blatt« wurden die Zuhörer am Mittwochabend schon mit den ersten Takten enthoben. Was da fein und leise durch den Raum schwebte, war kostbarste Musik, Stimmen, die im Innern aufeinander abgestimmt waren, mit gleichen Atemzügen sangen und sanft pulsierende Begleitung gaben. »Laut und schnell kann jeder« (heißt es manchmal in Kritikerkreisen), leise und langsam – da trennt sich die Spreu vom Weizen. Joseph Haydn war hier keine Ouvertüre oder »Einstimmung« zum Konzert, sondern ein Ereignis, und so herrschte nach den letzten Takten zunächst teilnahmsvolle Stille.

Aus dieser trat nun Ludwig van Beethoven hervor. Die vier eng verbundenen Spieler fanden zu großer motivischer, spannungsreicher Dichte, zeichneten einen äußerst vitalen zweiten Satz – obwohl zu den späten Quartetten gezählt (1824 geschrieben, das fünfzehnte von sechzehn und der »Großen Fuge«), klingt er frisch und jung. Mit der »Heiligen Danksagung eines Genesenden an die Krankheit…« betonte das Dresdner Streichquartett erneut die leisen, ruhigen Töne, die zu innerem Frieden führen. Bemerkenswert, daß damit kein fühlbarer Bruch oder Umschwung verbunden war, und so erhoben sich auch Alla macia und Allegro appassionato gleichsam organisch aus dem musikalischen Gewebe. Das war durchaus passioniert und kein bißchen »nebenbei«!

Der Umschwung kam nach der Pause, denn mit Dmitri Schostakowitschs Opus 117 im heldischen Es-Dur stand zwar abermals ein fünfsätziges Werk auf dem Programm, das sich aber sonst in beinahe allem von Beethoven unterschied. Von wegen »heldisch«! Fahl beginnt schon das Werk, in dem der Komponist immer wieder einzelne Stimmen den anderen drei gegenüberstellt. Oftmals begleiten diese nicht, sondern schaffen Gegensätze, durch Pizzicati oder rauhe Schwebungen. Beklemmung, ein Gefühl der Einsamkeit ist darin enthalten, als habe Schostakowitsch das Quartett »gegen den Strich« bürsten wollen. Und auch hier übertrug sich eine packende Spannung, leise durchsuchte das Dresdner Streichquartett die Sätze bis in feinste Notenfasern – nichts blieb hier, so schien es, ungehört.

Und erneut gelang der »Umschwung«, denn im Allegretto scheint das Werk zu erwachen, steckt Schostakowitsch voller Schalk, Witz und Mutwillen – wohl ein wenig Eigensinnigkeit gegen das »System«? So wurde es am Ende doch noch, wenn auch nicht »heldisch«, so aber froh, folkloristisch, bewegt, ein »Ja!« zum Leben…

12. Januar 2017, Wolfram Quellmalz

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