Joana Mallwitz »zündelt« im Dresdner Schauspielhaus

Eigens für Bejun Mehta geschriebenes Konzert von George Benjamin

Dieses Konzert durfte man durchaus als Ereignis sehen: Joana Mallwitz gilt als eine geradezu spektakuläre Dirigentin, die mit Programmen und Umsetzung von sich reden macht. Die Erfurter GMD war nun erstmals in Dresden zu Gast. Mit George Benjamins »Dream of the song« gab es darüber hinaus die deutsche Erstaufführung eines Werkes, das der Komponist Bejun Mehta, dem aktuellen Residenzkünstler der Philharmonie, in die Kehle geschrieben hat.

Der Abend begann jedoch mit Béla Bartók. Seine Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Sz 106 vermag den Zuhörer nicht nur einzunehmen, es kann schlicht verzaubern. Die Dresdner Philharmonie trug es am Sonntag unter der Leitung von Joana Mallwitz präzise vor. Kaum zu glauben, daß das Werk zuletzt vor 45 Jahren (!), damals unter Kurt Masur, auf dem Programm gestanden hatte. Wunderbar, wie Mallwitz im ersten Satz den »Bau«, die musikalische Struktur offenlegte. Im Grunde basiert alles auf einem schlichten Fünftonmotiv, das – mal erweitert, mal verkürzt – gespiegelt, gestuft, verschoben wird. Ein wenig klang es jedoch nach beabsichtigten »Mustern«, das zwingende, faszinierende blieb ein wenig verloren.

George Benjamins »Dream of the song« setzt sich mit jüdisch-mittelalterlicher Dichtung auseinander, mit drei Autoren, die einen Bezug zur Stadt Granada haben: Samuel HaNagid (993 bis 1056), Solomon Ibn Gabirol (1021 / 22 bis um 1057) und Federico García Lorca (1898 bis 1936), deren Texte vom Countertenor und den Frauen des MDR-Rundfunkchores vorgetragen wurden. Bejun Mehta schlüpfte nach seinen beiden Auftritten im Herbst erneut in eine neue Rolle, ein modernes Werk diesmal und vornehmlich in der Alt-Lage – nicht Spitzentöne waren es, mit denen er verblüffte, sondern ein entrückter Klang. Er führte, fein reflektiert von den Chordamen (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen), in ganz neue Erlebenswelten. Auch hier fiel Joana Mallwitz‘ umsichtiges Dirigat auf, so daß das Werk großen Beifall erfahren konnte. Noch schöner wäre es gewesen, wenn man mehr zum Stück, zum Hintergrund, vielleicht zur persönlicheren Absicht des Komponisten, im Programmheft gefunden hätte. Auch eine durchgängige Übersetzung der englischen und spanischen Textpassagen wäre schön gewesen.

Schon in den ersten beiden Stücken des Abends hatte sich Joana Mallwitz als treibende Kraft präsentiert, mit weit ausholenden Gesten der Arme und Körpereinsatz das Orchester geleitet, so daß man sich manchmal fragte, ob das denn sein muß. Schließlich galt es doch bestimmt nicht, die Philharmoniker zu motivieren oder gar anzutreiben. Bei Mendelssohns »Schottischer Sinfonie« Opus 56 nun favorisierte die Dirigentin ganz offensichtlich einen fülligen Ton, ohne jedoch die Tempi zu reduzieren. Flott kam das Werk daher, aber auch wuchtig, mit allzu kräftigen Farben. Wo war die typische Mendelssohn’sche Leichtigkeit, die der Komponist selbst dort erhalten hat, wo er Jagdmotive beschwört? Sie ging leider verloren, das überbordende Temperament kam indes bei Teilen des Publikums gut an, die Frische fehlte jedoch.

16. Januar 2017, Wolfram Quellmalz

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