Joachim Król las Alessandro Bariccos »Seide«

Lesung mit Musik im Dresdner Schauspielhaus

Alessandro Baricco ist ein Märchenerzähler, der uns in Welten entführt, in denen Phantasie und Realität nur unscharf getrennt werden. Sie überlappen sich wie die Schatten von Mond und Straßenlaterne, und manchmal ist es schwer zu unterscheiden, welcher Schatten wohin gehört. Was ist noch wahr, was ist nur Wunsch oder gänzlich erdacht? Dabei greift Baricco gerne Personen auf, die es wirklich gegeben hat, die aber nur an zweiter Stelle Standen, nicht den 1. Preis gewonnen haben. Solche, deren Ideen bemerkenswert waren, denen die Umsetzung aber versagt blieb – Architekten, Eisenbahnbauer, Erfinder…

Mit »Seide« wurde Alessandro Baricco in Deutschland berühmt. (Zuvor waren bereits die Romane »Land aus Glas«, »Oceano mare« und »Novecento« erschienen.) Es erzählt die Geschichte von Lavilledieu (wörtlich »Dorf Gottes«) und seinen Bewohnern – einen Ausschnitt der Geschichte. Mit der Zucht von Seidenraupen und der Produktion von Seide erblüht der Ort, wächst und kommt zu Reichtum. Bis eine Krankheit die Seidenraupen befällt, was den Ruin bedeuten kann. Doch Hervé Joncour, der die Eier der Seidenraupen bisher in Syrien und Ägypten kaufte, macht sich auf den Weg nach Japan, wo es auf einer abgelegenen Insel eine Seidenraupenart gibt, die von der Krankheit verschont geblieben ist.

Doch so einfach, nach Japan zu fahren und dort Eier zu kaufen, ist die Sache eben nicht. Die Reise selbst ist ein Abenteuer vieler Wochen und Monate, die Treffen mit dem mysteriösen Hara Kei kommen nur im Geheimen zustande. Und dann ist da noch die junge Frau des Japaners, die Hervé Joncourt einen beschriebenen Zettel mitgibt – mit schwarzer Tinte gemalte Kalligraphien, die Hervé Joncourt nicht lesen kann, da er kein Japanisch versteht…

Ein Dorf namens Lavilledieu gibt es tatsächlich in Südfrankreich, und der Chemiker und Mikrobiologe Luis Pasteur erhielt tatsächlich von der französischen Regierung den Auftrag, die Erkrankung der Seidenraupen zu untersuchen…

Joachim Król ist Leser, ist Vorleser. Er brüllt, schreit und stampft nicht, er bedient sich kleiner Mittel, Betonungen, Pausen. Ein Handwink als Geste genügt ihm, um Spannung zu erzeugen. Spannung, die er erschafft, ohne sie durch Stimmodulation oder Lautstärke künstlich aufzuheizen. Zweieinhalb Stunden bannt er sein Publikum, liest das ganze Buch. Das allein würde vielleicht schon genügen, um die Bilder von Personen und die Gerüche von Orten im Kopf der Zuhörer zu erzeugen. Auf der Bühne des Schauspielhauses ist er aber nicht allein – das South of Border Jazztrio begleitet ihn ebenso wie das Licht (Lichtdesign: Birte Horst).

Dabei ist das wenige fast schon zu viel in Kontrast und Farbe, wenn es betont. Am besten gelingt die Symbiose, wenn Musik und Licht zurücktreten, aussetzen, den Sprecher im Vordergrund lassen, oder wenn sie dezent andeuten. Eine Jalousie, hinter der sich Hervé Joncourt die japanischen Schriftzeichen übersetzen läßt…

Ein magisches Buch, eine phantastische Erzählung, ein magischer Abend im Schauspielhaus…

19. Januar 2017, Wolfram Quellmalz

Tips:

Weitere Gastspiele im Staatsschauspiel Dresden:

  • »Die Juden« (Gotthold Ephraim Lessing) mit dem Berliner Ensemble, 28. und 29. Januar
  • Fritzi Haberlandt & Jens Thomas „Das kunstseidene Mädchen, 30. April

Alessandro Baricco:

  • »Seide« als gebundenes Buch (Hoffmann und Campe) oder Broschur (Atlantik) sowie als Hörbuch, gesprochen von Christian Brückner (Steinbach)
  • weitere Titel: »Land aus Glas«, »Oceano mare«, »Novecento«, »City«, »Ohne Blut«, »Diese Geschichte« und »Emmaus«, zuletzt erschien 2016 »Mr Gwyn«

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