Wandern in Zeiten innerer Unruhe

Carl-Maria-von-Weber-Stipendium der Ostsächsischen Sparkasse Dresden in der Semperoper vergeben

Am Wochenende wurde das diesjährige Carl-Maria-von-Weber-Stipendium der Ostsächsischen Sparkasse Dresden vergeben. Sumin Lee (Flöte, Meisterklasse Stéphane Réty) und Fama M’Boup (Jazz, Klasse Celine Rudolf) erhielten am Sonntagmorgen die Urkunden aus der Hand von Vorstandsmitglied Heiko Lachmann. Neben der Beherrschung notwendiger Technik waren musikalisches Verständnis (Lee) bzw. die Konzeption bis hin zu Blogs und Facebook-Auftritten (M’Boup) ausschlaggebend für die Vergabe.

Die Matinée hielt noch weitere studentische Beiträge bereit, so zwei neue Werke, die erst am Freitag uraufgeführt worden waren, als das gleiche Konzert im Theater Meißen zugunsten des Kuratoriums „Rettet Meißen – JETZT e. V.“ stattgefunden hatte. Song Aa Parks „Sa-i“ und Yukari Misawas „Reise im Geist: 2xxx“ griffen thematisch beide unseren Alltag und unsere Wahrnehmung auf, also auch Unruhe, Unwuchten und die Suche nach einem beruhigten Gegenpol. Dies läßt sich auf das aktuelle Jahresthema „Der Wanderer“ der Musikhochschule beziehen: Während wandern einerseits mit Aufbruch, neuen Eindrücken und Vielfalt assoziiert wird, kann es für den Wandernden Getriebensein und Unruhe bedeuten.

„Sa-i“ (deutsch: zwischen) setzt sich aus vielen Abschnitten bzw. Blöcken zusammen, die einen auf einen Mittelpunkt zustrebenden Klang erzeugen. Oft sind es Blechbläser und Schlagwerke, deren Töne sich aus dem Hintergrund erheben und den Hörer (oder Wanderer) bedrängen. Zwischen den Blöcken vermitteln ausgeprägte Ruhepunkte einen Halt, umrahmt von Windgeräuschen und einzelnen, meditativ wirkenden Glockenschlägen. Dabei lebt das Werk weniger von der Schärfe der Kontraste, sondern von der Entwicklung der einzelnen Melodie- und Klangabschnitte, woraus sich eine große Spannung ergab.

„Reise im Geist: 2xxx“, auf Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ bezogen, arbeitet mit Mitteln der Verfremdung und Verzerrung als Folie, die etwas verborgenes (wie eine Originalmelodie) verändert, also ebenso eine Bedrängungssituation. Manche Passagen scheinen geradezu aggressiv, wirklich zur Ruhe kommt der Wanderer nicht. Es ist mehr eine Suche, nach der Ordnung der Dinge vielleicht (zu denen Noten und Tonalität zählen), als eine Ankunft.

Ekkehard Klemm faßte beide Werke als Sätze eines ganzen zusammen, was stimmig gelang, auch wenn die Kompositionen an sich natürlich solitäre Werke sind. Das Hochschulsinfonieorchester bewies unter seiner Leitung einmal mehr Sinn für die Ausarbeitung von Details, aber ebenso für einen umfassenden Klang.

Gleiches traf auf die Aufführung der anderen beiden Werke zu: Anton Rubinsteins viertes Klavierkonzert und Felix Mendelssohn Bartholdys „Schottische Sinfonie“. Auch Rubinstein und Mendelssohn sind „Wanderer“ gewesen, in der Welt und zwischen den Religionen – beide haben dabei die Erfahrung einer Entwurzelung gemacht. Anton Rubinsteins Klavierkonzert atmet den Geist der Romantik und ist vor allem Robert Schumanns Klangwelt verhaftet, ohne diesen jedoch zu kopieren oder als nur nachgeschaffen verstanden werden zu können. Solistin Yunyi Qin (Klasse Detlef Kaiser) stellte keineswegs eine Virtuosität heraus oder gar zur Schau – im Gegenteil! Es war bemerkenswert, mit wieviel Verständnis für den inneren Gehalt die Pianistin dem Werk Freiheit und Atem gab – wesentlich für jemanden, der wandert! Ihren poetischen Erzählstil spiegelte das Hochschulsinfonieorchester mit wunderbaren Klangfarben wider. Ruhig, schwärmerisch konnte das Werk fließen, nicht als Kette von Affekten, sondern als Entwicklung einer musikalischen Idee. So viel Feingefühl findet man bei jungen Pianisten selten! Mit Mendelssohns „Schottischer“ fand das Konzert einen lebhaften Abschluß.

3. April 2017, Wolfram Quellmalz

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