Mit Beethoven im Dialog

HR-Sinfonieorchester mit Andrés Orozco-Estrada und Gil Shaham bei den Dresdner Musikfestspielen

Kurzfristig war Gil Shaham – im vergangenen Jahr mit dem Singapore Symphony Orchestra und Mendelssohn in der Frauenkirche – für den verhinderten Leonidas Kavakos eingesprungen, hatte sich das Programm von »Brahms« auf »Beethoven« gedreht. Natürlich war es bedauerlich (Kavakos war ebenfalls 2016 bei den Musikfestspielen gewesen und hatte das Publikum mit seinem Partner Enrico Pace und Beethovens Violinsonaten verzaubert), aber spätestens mit dem ersten Bogenstrich Gil Shaham war jeder Gedanke an den Wechsel vergessen. Eigentlich schon zuvor, denn Shaham, wie immer gut aufgelegt, nahm schon in der Orchestereinleitung des Opus 61 Blickkontakt zum Dirigenten auf. Das fand seine Entsprechung in der Musik – selten hat man Beethoven so dialogisch gehört. Ob mit Hörnern, Oboen, Celli oder Fagotten: immer wieder tauchen Bezüge von Stimmen und Motiven auf. Zur Uraufführung war das Publikum von einer derartigen Fülle noch überfordert, wir haben den Vorteil der Erfahrung. Und am Sonntag konnten die Zuhörer im Kulturpalast die luzide Lesart Andrés Orozco-Estrada kennenlernen, der solche Bezüge fein herausarbeitete. Das HR-Sinfonieorchester zeigte sich als sinniger und singender Partner, erwiderte die Einwürfe des Solisten gekonnt – die Überleitung vom Larghetto in den Schlußsatz wurde zu einem Stück im Stück, einem zauberischen Nocturne.

Zauberisch, auf ganz andere Weise, hatte schon zuvor György Ligetis »Lontano« von der Bühne aus den Raum erobert. Die Komposition des gebürtigen Ungarn schichtet und wandelt Klang, zieht ihre Kraft nicht aus Motiven, sondern tonalen Bezügen und scheint frei von Brüchen. Eine unbeschränkte Entwicklung, die sich musikalisch vollzieht, Stimmungen formuliert, Klangflächen erzeugt, mal fremd, fern, dann wieder nah scheint – famos!

Wie anders gestaltete sich da das Programm nach der Pause. Nach dem modernen Experimentator, dem Gipfelstürmer und dem verinnerlichten Sänger (Gil Shahams Zugabe: Bach »Gavotte en Rondeau«) folgte Igor Strawinskys »Le sacre du printimps«. Andrés Orozco-Estrada wußte auch dieses fein zu zeichnen – nein, es muß nicht immer stampfen! Manchmal tut es das aber doch, ein wenig ist es durchaus musikalische Gewalt, die der Komponist seinen Zuhörern angetan hat. Daraus motivische Ableitungen zu finden und Energieströme zu offenbaren, ist eine große Kunst, die dem HR-Sinfonieorchester vor allem im ersten Teil des Werkes gelang, in der Folge geriet manche ein wenig statisch, aber dennoch von beträchtlichem Impetus.

5. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s