Dreimal Schatten

Philippe Quint, Boris Giltburg und Claudio Bohórquez bringen drei geschichtsbeladene Kammermusikwerke eindrucksvoll zur Aufführung

Statt der sonst häufig gewählten »Mischung« aus fröhlich und melancholisch oder leichter und schwer fokussierte das Kammerkonzert der Dresdner Musikfestspiele am Dienstabend im Palais im Großen Garten auf die Verarbeitung von Schicksalen: Dmitri Schostakowitsch und Sergej Prokofjew erlebten die nachrevolutionäre Sowjetzeit und Stalin-Ära mit, deren Bedrohlichkeit sich noch heute in ihren Werken widerspiegelt. Und auch Lera Auerbach, Capell-Compositrice von 2011 / 12, schöpfte in ihrer zweiten Violinsonate aus der Verarbeitung eines Traumas.

»Der 11. September« ist der Titel bei Auerbach – kaum ein Datum stellt für uns einen so unmittelbaren Zugang her. Die Komponistin hat in ihrer einsätzigen Sonate Gedanken und Gefühle verarbeitet, die ihr unmittelbar nach der Katastrophe der Terroranschläge eingegeben waren – vieles ist noch offen, ohne Antwort oder Gegenargument. Philippe Quint (Violine) und Boris Giltburg (Klavier) brachten diese Unmittelbarkeit auf die Bühne des Palais. Mit den ersten Akkorden schien das Werk nicht zu beginnen, es brach über die Zuhörer herein, ließ keine Zeit für Entspannung oder Aufatmen, sondern bewegte sich stetig zwischen Angst, Klage und Flucht. Während Ruhepunkten schien das Werk in Trauer zu verharren – beklemmend! Daß all dem dennoch Hoffnung innewohnen zu scheint ist ein Beweis dafür, daß Leben existiert, daß ein schöpferischer Geist weiterstrebt. Während für die Violine der erzählende (angesichts des Themas verbietet sich der Ausdruck »singend« beinahe) Ton maßgebend ist, trägt das Klavier oftmals zur Stimmung bei – von Boris Giltburg mustergültig als Hintergrund illuminiert: Donner, Schwebung, Erlösung.

Auch Sergej Prokofjews erste Violinsonate beginnt düster, ihr wohnt jedoch ebenso ein schöpferischer Geist inne. Vor allem den zweiten Satz zeichneten Philippe Quint und Boris Giltburg hoffnungsvoll – ein Ausbruchsversuch? Getrieben und gehetzt ging das Werk zu Ende, es schien offen, ob die Hoffnung Hoffnung war oder nur ein trügerisches Gespinst.

Und noch einmal stürzten sich die Musiker in die Düsternis. Nun mit dem Cellisten Claudio Bohórquez an ihrer Seite und Dmitri Schostakowitschs Klaviertrio e-Moll. Dunkel und tieftraurig der erste Satz, unternimmt der Komponist ebenso Befreiungsversuche. Violine und Violoncello schienen sich zu persiflieren, das Largo verbreitete nach zwischenzeitlich aufkeimendem Schimmer erneut Beklommenheit. Es zeigte aber auch, daß Philippe Quint, Boris Giltburg und Claudio Bohórquez nicht nur dem energiegeladenen Impuls Kraft zu verleihen vermochten, sondern ihre Spannung auch in den getragenen Abschnitten hielt.

Wer wollte die Schattengrade der drei Werke unterscheiden? Nach dem offiziellen Programm voll expressiver Intensität gab es konsequenterweise keine Zugabe – eine »Auflockerung« wäre fehl am Platze gewesen.

7. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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