Französischer Klangzauber

Orchestre de Paris im Kulturpalast

Thomas Hengelbrock, Hausherr von Hamburgs Elbphilharmonie, zeigte sich zur Autogrammstunde am späten Abend begeistert vom neuen Dresdner Konzertsaal. Dort hatte er zuvor mit dem Orchestre de Paris, dessen Chef Associé er ist, jenen Zauber verbreitet, den impressionistische Klangmagier so gekonnt zu mischen wußten. Selbst Modest Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung« hatten auf diese Weise eine dezidierte Färbung erfahren – »konsequent französisch« konnte man das Programm mit einiger Berechtigung nennen.

Maurice Ravel ist einer jener Komponisten gewesen, die bestimmend für den musikalischen Impressionismus waren. Mit der zweiten Suite aus »Daphnis et Chloé« eröffnete ein Originalwerk den Konzertabend. Thomas Hengelbrock ließ es in den Saal fluten, gemächlich gleiten, sich stetig wandeln. Ravels Idyll wurde zur energiegeladenen, wogenden und farbigen Klangwolke. In Stufen nahm ihr Gehalt zu, vom Dirigenten mit kecken Rubati erklommen. Hengelbrock verweilte im Klangzauber, um abschließend neue Fahrt aufzunehmen bis zum Bacchanal.

Joseph Canteloube hat die Volkslieder seiner Heimat, der Auvergne, studiert und verarbeitet. In fünf Serien ließ er 24 in seinen »Chants d’Auvergne« einfließen, Kompositionen und Arrangements der Lieder, zunächst mit Klavierbegleitung, später auch für Orchester. Hier setzt er jene Facetten des Farbenreichtums um, den die Singstimme bereits aus dem Melos des Dialekts gewonnen hatte. Die Sopranistin Kate Lindsay bot eine Auswahl von sieben der Lieder dar, kokettierte schon im zweiten (»Pastourelle«), wiegte das dritte (»Brezairola / Berceuse«) süß und zart, erzählt die Geschichten vom Buckligen (»Lou boussu«) und vom Kuckuck bilderreich – es war gar nicht notwendig, den Text im Programmheft zu verfolgen. Von frech und neckisch bis anschmiegsam und feinfühlend reichte die Gestaltungslust der Sopranistin. »Baïlèro«, das bekannteste der Chants, präsentierte sie dem Publikum als Zugabe.

Da hatte Thomas Hengelbrock längst eine feine Abstimmung zwischen Orchester und Sopranistin gefunden. Eine feine Justierung beflügelte auch das abschließende Werk – noch einmal Ravel. Diesmal allerdings nicht original – der Franzose hatte 1922 Modest Mussorgskys Klavierzyklus »Bilder einer Ausstellung« für Orchester bearbeitet, dem Bildhaften der Musik dabei sogar noch zu Gewinn verholfen. Es ist reicher geworden – Gold, Zinnober und Smaragd scheinen klingen zu können! Das Orchestre de Paris begann die erste Promenade mit einem strahlenden Bläserchor, bevor es den »Gnomus« ruppig stampfend auftreten ließ. Mit einem sinkenden Streichermotiv zerfloß sein Bild schließlich…

Bildhaft und farbenreich waren allein schon die Promenaden, vom Komponisten unterschiedlich gestaltet. Die Ausstellungsbesucher scheinen mal beglückt, überrascht oder ermüdet zu sein, und schließlich unendlich erschöpft. Thomas Hengelbrock verwendete frische Farben voller musikalischer Nuancen, gab den Teilen des Werkes die innere Bindung und ließ die Promenierenden ins Düster der Katakomben fallen. Durch ein musikalisches Panoptikum fanden sie wieder ans Licht, erfrischte noch einmal von den Bläsern.

3. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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