Intensiver Bartók, geistvoller Beethoven

Cuarteto Casals im Palais im Großen Garten

Als drittes Streichquartett im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele war das Cuarteto Casals am Dienstagabend im Palais im Großen Garten zu Gast. Auf Ihrem Programm: Wolfgang Amadeus Mozarts »Dissonanzenquartett«, Béla Bartóks Streichquartett Nr. 3 und Ludwig van Beethovens Opus 132 – eine brisante, höchst anregende Zusammenstellung, versprach sie doch, nicht nur Epochen zu überbrücken, sondern auch Reibungspunkte in drei sehr unterschiedlichen Sichtweisen herauszustellen.

Reibungspunkte können für enorme Spannungen sorgen, die Reibung zwischen Bodenhaar und Saite – der Ursprung des Tones – kann seidig, gediegen, anregend oder überspitzt ausfallen. Das Cuarteto Casals beschwor ganz unmißverständlich schon mit dem einleitenden Adagio in Mozarts KV 465 eine große Spannung, betonte das Gegeneinander der Stimmen – immer wieder schien sich der Verbund zu lösen, eiferten die Violinen (Abel Tomàs und Vera Martinez), die Viola (Jonathan Brown), das Violoncello (Arnau Tomàs). Letzteres in der Mitte, also hinter Violine eins und Viola plaziert, drang mehrfach deutlich vor die Partner. Derart aufgeladen gewann das Quartett nicht nur durch die Dissonanzen überdeutlich an Spannung, geriet sehr romantisch, dicht, wuchtig. Den grazilen Mozart, den leichten, behielt das Cuarteto Casals seinen Zuhörern vor.

Kontrastschärfe und ein energetischer Strom (fast schon bis zur Aggressivität) paßten bei Béla Bartók hingegen durchaus. Abel Tomàs und Vera Martinez hatten dafür ihre Positionen getauscht, nun legten sie Strukturen offen, nutzten Reibungsflächen zur Intensivierung. Das aus vier miteinander verbunden Teilen bestehende Werk bezieht sich zwar auf die Sonatenhauptsatzform, führt diese aber nicht regulär aus. Statt dessen dominieren freie, improvisiert oder imitierend scheinende Abschnitte. Das Gegenüber von geschichteten Klängen und Rückgriffen bzw. Imitationen (Volkstänze) ist an sich bereits anregend und erfuhr durch das Quartett noch eine zusätzliche, packende Überhöhung.

Die Luft im Palais war erfüllt von Klängen, Spannung pur, die förmlich zu greifen war – Pause. Und dann die Überraschung: denn Beethoven nahmen sich die vier Musiker nicht mit »Feuereifer« vor. Erneut mit Vera Martinez an der ersten Violine stand nun eine gedankliche, keine energetische Dichte mehr im Mittelpunkt der Interpretation. Das Miteinander der Stimmen gewann einen harmonischen Zusammenhalt von schon sinfonischer Qualität, das Angetrieben sein des Allegros zeugte von einem gediegenen Maß (im Sinne eines energico). Mittelpunkt des Werkes und des Abends war aber sicher der dritte Satz, der die Streicher als vier Gesangsstimmen, im Choral zunächst, dann aber in immer innigerer Verschlingung, präsentierte. Intensität gab es – natürlich! – bei Beethoven reichlich, jedoch war sie nicht mehr vordergründig, variierte und nahm zu, wo es nötig war. Das Allegro appassionato vermochte auch zu schreiten.

Als Zugabe fügte das Cuarteto Casals dem Programm nicht noch eine Steigerung der Intensität an, sondern entfloh musikalisch in den zweiten Satz aus Claude Debussys Streichquartett – noch einmal mit rhythmischen Anklängen wie in Bartóks Tanzzitaten.

14. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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