Schluß mit Leonore

Dresdner Musikfestspiele mit der Urfassung Beethovens einziger Oper beendet

Nicht mit einem Festkonzert im üblichen Sinne, sondern mit einer konzertanten Opernaufführung fanden die 40. Dresdner Musikfestspiele am Sonntagabend im Kulturpalast ihren Abschluß. Mit dabei waren mit dem Dresdner Festspielorchester und »Bohème 2020« Künstler, die sich alljährlich in Dresden formieren.

Das Orchester spielte unter seinem Leiter Ivor Bolton wie immer »historisch informiert«, also mit altem Instrumentarium, Naturhörnern etwa, trat aber mit modernen Bögen gemäßigt historisch auf. Beethoven ist eben nicht Bach, und im großen Konzertsaal sollte es schließlich nicht verloren klingen. Seitens der Sänger gönnten sich die Musikfestspiele nicht nur den stimmlichen Luxus hervorragender Solisten, sondern auch den Balthasar-Neumann-Chor. Er gilt als einer der besten Chöre weltweit und präsentierte sich schlicht grandios! Zunächst mit den Männerstimmen (Gefangenenchor), später als gesamtes Ensemble – noch einmal (bzw. wieder einmal) war dies Gelegenheit, sich über die Qualität des neuen Saales zu freuen, der solche Stimmentfaltung unterstützt.

Auf Seiten der Solisten brillierten vor allem Miriam Clark als emphatische Leonore (bzw. Fidelio), Peter Rose mit golden schimmerndem Timbre und hervorragender Verständlichkeit als Rocco oder Michael Kupfer-Radecky – ein bitterböser Don Pizarro. Der edle Tenor Eric Cutlers war schon zu schön – wie konnte Florestan nach zwei Jahren im Kerker, dem Hungertode nah, so strahlen? Die übrigen Solisten (Christina Gansch als verliebte Marzelline, Martin Mitterrutzner / Jaquino, Tareq Nazimi / Don Fernando) komplettierten das famose Septett und selbst die beiden Gefangenen Virgil Hartinger und Roland Faust glichen mit Ausdruckskraft die fehlenden Kostüme und Bühnenbilder aus.

Ivor Boltons Orchester war in der Historie gut balanciert, hatte ausreichend Volumen und die Farben des »älteren Klanges« – manche Kontraste waren schärfer, vor allem die Bläser vermochten mehr zu »stechen« als heutzutage gewohnt.

Anders als üblich war auch das Werk: Ludwig van Beethoven hatte seine Oper mehrfach überarbeitet, von den früheren Fassungen sind uns vor allem die Ouvertüren als Konzertstücke bekannt. Und es zeigte sich: »Leonore« ist weniger heldisch emporgehoben als »Fidelio«, aber in manchem glaubwürdiger. Es gibt mehr Szenenentwicklung, schon bei Florestans Auftritt. Auf seine Arie und »mein Engel Leonore« (was eigentlich zum wichtigsten gehört, das ein Tenor schmettern können muß) hieß es da verzichten – es war durchaus kein Verlust. Das wunderbare Quartett Marzelline-Leonore-Rocco-Jaquino und das Duett Leonore-Florestan (»O namenlose Freude!«) als Kernstücke waren dagegen bereits enthalten.

Ganz »konzertant« war die Aufführung nicht, denn die Künstler von »Bohème 2020« hatten mit Tanz (Maja Blomstrand, Choreographie: Romain Rios), Bild, Video / Licht (Robin Thomson) und Sound (Joscha Baltes) einiges hinzugefügt, nicht immer allerdings war das ein Gewinn. Zunächst ist es fraglich, ob derlei Fülle an Kommentaren und Verstärkungseffekten überhaupt notwendig ist, um Verständnis oder Empfindung zu unterstreichen. Thematisch kreisten die Bereicherungen vor allem um Elemente von Paaren bzw. Einsamkeit und von der Verwandlung Frau / Mann / Frau, also der Camouflage Leonores in Fidelio und deren Rückwandlung. Während sich Tanzszenen stimmig zuordnen ließen, wirkten die Projektionen eher störend, zumal sie nicht auf eine Bildfläche, sondern auf die Saalwand und den Chorrang unterhalb der Orgel erfolgten. Die Zeitlupenaufnahmen von weinenden, tanzenden oder sich wandelnden Menschen waren zudem von aufdringlicher Eindringlichkeit. In ein graues Landschaftsbild, halb verborgen hinter den Musikern, wurden einzelne Menschen gemalt… Und auch die zu den historischen Instrumenten zugemischten Soundeinlagen störten eher, als daß sie ergänzten. Eine Kerkerwelt mit tropfenden Rohren und quietschenden Türen – so ähnlich hatte es schon zum Luther-Film geklungen. Mancher Bezug wie der Tanz mit Klavierbegleitung (Danae Dörken, Thema aus der Appassionata) war zwar passend, aber schlicht etwas viel. Eine Reduktion der Mittel hätte konkreter gewirkt, denn Gesang und Musik allein waren schon überzeugend – ein musikalisches Fest.

19. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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