Jedem Anfang wohnt ein Erwachen inne

Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle vor den Schostakowitsch Tagen Gohrisch

Der Auftritt der russischen Dirigentenlegende Gennady Rozhdestvensky war mit großer Spannung erwartet worden. In seinem »Gepäck«: Dmitri Schostakowitschs 1. und seine letzte Sinfonie, die 15.

Beide Werke beginnen mit einem Erwachen des Orchesters in mehreren Phasen, Bläsern, die wecken, Partner finden. Nach und nach bilden sich die Themen heraus. Hier wie da knüpft Schostakowitsch an bestehende Musik an, zitiert, hier wie da leben die Sätze von Kontrasten, von Solisten und Instrumentengruppen, die sich aneinander reiben, aufeinanderprallen, hier wie da reicht die Ausdruckspallette von heiter bis tragisch. Und: es liegen beinahe fünfzig Jahre zwischen diesen Sinfonien.

Gennady Rozhdestvensky ist ein Schöpfer-Dirigent, der die Opus 10 und 141 auferstehen ließ. Einmal sind es nicht die Streicher, welche dominieren, auch wenn sie beständig an der Grundierung mitweben. Nein, Schostakowitsch hat ganz dezidiert die Bläser eingesetzt, als Solisten ebenso wie als Blasorchester im Orchester (zweiter Satz 1. Sinfonie). Sie wecken, treiben an, streben vorwärts – die Staatskapelle läßt sie glänzen. Rozhdestvensky setzt auf Kontraste, wo es derer bedarf – da dürfen Bläser durchaus einmal gewollt scharf klingen. Themen kehren wieder, schon der erste Satz der 1. Sinfonie ist ein Auf und Ab, ein Für und Wider…

Und auch dem Allegro wohnen solche Kontraste inne, wenngleich sie weicher gezeichnet sind. Violoncello (Simon Kalbhenn, an diesem Abend vielbeschäftigter, gesangvoller Solist) und Klarinette(Robert Oberaigner) scheinen Gegenwelten aufzuzeichnen. Das Lento formuliert eine Klage, die Soli gehen reihum – Cello, Violine (Thomas Meining), Violine (KM Matthias Wollong)…

Man kann diese erste Sinfonie nicht als das frohgemute Werk eines naiven jungen Menschen sehen. Schostakowitsch hatte schon lange vor der »Blüte« der Stalinzeit zu viel erlebt und gesehen. Gleichwohl hat er sich in den folgenden Jahrzehnten entwickelt, musikalisch wie persönlich. Ironie und Sarkasmus waren wohl in den Anfängen wie in den späteren Werken wesentliche »Spielbälle«. Der Beginn der 15. Sinfonie ist ebenfalls ein Erwachen, es steckt aber so voller Zitate, daß man die damit verbundenen Anspielungen, den bösen Witz, nicht überhören kann. Schostakowitsch parodiert das Parodieverfahren, verzerrt Musik ins Groteske, überspitzt – ein Provokateur mit musikalischem Maß.

Dieses – Maß – beweist Gennady Rozhdestvensky in jeder Hinsicht. Er setzt Schwerpunkte, lenkt Soli und Pointen präzise, läßt darüber hinaus den Raum, daß sich etwas Großes entwickelt – etwas Großartiges. Es ist schlicht überwältigend, was die Staatskapelle entfesselt! Keines der Soli ist »aufgesetzt«, immer gibt es einen direkten Bezugspartner. Er findet sich im Duo oder in nachfolgenden Soli – hier zeigt sich in ganz großem Maßstab der kammermusikalische Zusammenhalt der Staatskapelle. Und: das Orchester kann von einem Takt zum anderen aus der verzerrten Welt heraustreten und traumverloren spielen oder einen Bläserchoral anstimmen (zweiter Satz). Das Werk, das so heiter beginnt, wird immer düsterer, tragischer – Schostakowitsch hat ihm zum Glück eine Aufhellung am Ende beschieden, Gennady Rozhdestvensky nutz sie, ein musikalisches Licht zu entzünden.

23. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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