Das Phänomen Blomstedt

12. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle

Lange nach dem Konzert noch sitzt Herbert Blomstedt im Rundfoyer, gibt Autogramme, geduldig – fast mit Demut – spricht freundlich mit den Besuchern. Jeder will ein paar Worte mit dem Maestro wechseln. In einer Woche wird er neunzig, das mag man kaum glauben. Am Dienstagabend (11. Juli, 20:05 Uhr) sendet MDR Kultur eine Aufzeichnung des Konzertes aus der Sächsischen Staatsoper, das das Dresdner Publikum zwischen Sonnabend und Montag dreimal zum Geschenk bekommen hat. Am Sonntag feierte man gemeinsam mit einem »Semper Open Air« auf dem Theaterplatz.

Der Autogrammstunde vorausgegangen war ein Konzert mit zwei der Schwerpunkte, die in den letzten Jahren immer wieder Herbert Blomstedts Programme bestimmt hatten. Diesmal keine nordischen Komponisten oder neuen Werke, wie sonst so oft, sondern Ludwig van Beethovens erstes Klavierkonzert und Anton Bruckners vierte Sinfonie. Den Sinfoniezyklen der beiden Komponisten hatten Blomstedts letzte beide Großprojekte gegolten, die er mit dem Gewandhausorchester Leipzig eingespielt hat.

Dabei werden die Fassungen der Bruckner’schen Werke wohl gewählt, in bezug auf die vierte hatte sich Herbert Blomstedt für Überarbeitung von 1778 (2. Fassung) mit dem Finale von 1880 entschieden.

Es schien, als trage die Staatskapelle nicht nur ihren Ehrendirigenten, sondern auch Bruckners Werk auf Händen in diesem letzten Sinfoniekonzert der Spielzeit. Wie tremolierende Streicher Spannung erzeugten und mit prächtigen Blechbläsern verschmolzen, hatte allein etwas berauschendes – diesem Bruckner haftete nichts erratisches an, er kam luftig, leicht, befreit daher. Eine schwebende Romantik statt süßem Träumen. Die Hornsoli (Robert Langbein) waren schlicht ein Traum, der erste Satz (Bewegt, nicht zu schnell) von ungeheurer Frische, seine Entwicklung natürlich, ohne Brechungen und Pausen – bewegt!

Das mehrteilige Andante war ein Höhepunkt des Abends, mit Celli, die erst allein, dann gemeinsam singen, während die Violinen und Violen con sordino raunten, das Allegretto fein abgetupft, was ihm jede Härte entzog. Die Wiederholung des Themas in den Streichern sorgte für neue Kontraste – fein, feiner, am feinsten. Es gibt auch eine Artikulation des Orchesters! Die Erregung von Spannung und die Lösung in kleinsten Farbkontrasten war von erlesener Schönheit…

Im Scherzo (erneut bewegt) ließ Herbert Blomstedt den goldenen Schein der Blechbläser aufleuchten. Eingebettet in diese Pracht zeugte das Trio von einem weiteren Qualitätssiegel der Staatskapelle: es geriet zum kammermusikalischen Kleinod mit Holzbläsern.

Das prächtige Finale formulierte schließlich einen Triumph – keinen heldisch strahlenden, sondern einen innerlich glühenden – langwährender Applaus!

Der Fülle Bruckners hatten Herbert Blomstedt und die Sächsische Staatskapelle einen Beethoven vorangestellt, der vom Wandel der Zeit, aber auch des Komponisten kündete. Das erste Klavierkonzert ist quasi das, was man in der Literatur einen »Entwicklungsroman« nennt. Während die ersten beiden Sätze noch deutlich auf dem aufklärerischen Ton der Mozartzeit fußen, findet sich im dritten Satz bereits der heroische Duktus, der einmal in Werken wie der »Eroica« gipfeln wird. Sir András Schiff folgte dieser Entwicklung mit Ausgewogenheit – eine Balance, die Herbert Blomstedt mit dem Orchester vervollkommnete – schon hier wurde diese feine Orchesterartikulation deutlich. Im Largo fanden genüßlich schreitende Elemente mit sanft perlenden Läufen zusammen. »Vergoldet« wurde er von den lyrischen Streichern und diese freundlich umfassende Holzbläser (Klarinetten).

Dem beseelten Schwelgen setzen Schiff und Blomstedt einen packenden Finalsatz mit forcierten Tempi nach. Wer es beobachten konnte – und wer wollte dies nicht? – war fasziniert von der jugendlichen Vitalität Herbert Blomstedts, der mit Freude sein Orchester leitete, dem aber mit ebensolcher Freude und Musizierfreude geantwortet wurde. Neunzig Jahre – man mag es einfach nicht glauben!

4. Juli 2017, Wolfram Quellmalz

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