Wie auf Wolken schreiten

MDR Musiksommer gastiert mit Andreas Scholl und Dorothee Oberlinger in der Frauenkirche

Auf 25 Jahre kann der MDR Musiksommer mittlerweile zurückblicken, »Drei Länder – ein Klang« heißt es seit 1992. Mit seinem sechsten Konzert machte das Ensemble 1700 mit der Gründerin und Leiterin Dorothee Oberlinger und dem Countertenor Andreas Scholl am Sonnabend in Dresden Station. »Small gifts of heaven« verlautete das Programm deutungsvoll. Manch einer hätte hier wohl Händel, Purcell oder Bird erwartet – nein, es war Bach, Johann Sebastian, aber nicht nur. Denn wie das Programmheft und die Blockflötistin verrieten, ließ auch der sich inspirieren (von Telemann) bzw. regte seine Söhne (in diesem Fall Carl Philipp Emanuel) zum Komponieren an.

Statt einer Ouvertüre hatten die Musiker die Alt-Arie »Jesus schläft, was soll ich hoffen« aus der gleichnamigen Kantate BWV 81 an den Anfang gestellt – schon hier ergab sich die Sinnfälligkeit des »Himmlischen«, so sacht, behutsam ließen Sänger und Instrumentalisten die Arie in den Raum strömen. Die rhetorisch gestellte Frage war hier als berückend in sich gekehrter Gesang zu vernehmen – wunderbar!

Kaum weniger beeindruckend, aber eine ganz andere dramaturgische Ausdeutung aufgreifend erklang »Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust« mit einem Quartett aus dem Gesangssolisten und einem Trio aus Blockflöten (Oberlinger / Lorenzo Cavasanti) und Oboe (Alfredo Bernardini), deren Stimmen sich harmonisch ergänzten. Mit mildem, weichen, »runden« Timbre beeindruckte Andreas Scholl an diesem Abend, vermittelte Texte und Ausdruck ganz mühelos. Seine solistischen Partner standen dem nicht nach. Keiner aus dem Bläserquartett (Wolfgang Gaisböck / Trompete kam im zweiten Programmteil hinzu) trat übermäßig hervor oder überflügelte gar den Sänger. Viel zu tun hatte dabei Dorothee Oberlinger. »Andere Frauen sammeln Schuhe« meinte mein Sitznachbar, doch auch Lorenzo Cavasanti hatte Blockflöten in verschiedenen Stimmlagen dabei…

Andreas Scholl zeigte sich als versierter und feinsinniger Interpret, der auch auf den Feinsinn seiner Zuhörer vertraut. Effekte wurden nicht wahllos »gestreut« (bis es noch der letzte merkt), sondern gezielt hier und da eingesetzt, um sachte hinzuweisen. So »fiel« der Sänger plötzlich von der Kopf- in die Bruststimme, um das »mit Füßen TRETEN« zu betonen. Wie nebenbei geschehen solche Überraschungen – man muß nicht brüllen, um verstanden zu werden. Nicht weniger erstaunlich gelang die Arie »Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen«, in der Bach den Solisten ohne Baßbegleitung läßt, um dessen Alleinsein hervorzuheben. Für Andreas Scholl war es ein leichtes, dies anrührend zu gestalten.

Mit Auszügen aus drei weiteren Kantaten vermittelte der Countertenor musikalische Geschenke, die durchaus himmlisch schienen. Dorothee Oberlingers Ensemble 1700 glänzte nicht nur als virtuoser Partner in den Soli, sondern auch mit Behutsamkeit und Andacht – ohne diese »goldene« Basis hätte sich die Musik nicht derart im Kirchenraum entfalten können. Wärme und Geschmeidigkeit im Baß sind wie ein Puls für die Seele. Daran durfte man sich ebenso in zwei der »Brandenburgischen Konzerte« (zwei und vier) sowie einer in Schönheit schlichten Triosonate (BWV 1038) erfreuen.

Und diese Seele wollte mehr – und »bekam« nun wirklich Henry Purcell: »Sound the trumpet« aus der »Ode für Queen Marys Geburtstag« besang nicht nur Trompete, Oboe und »alle Instrumente der Freude«, sondern offenbarte mit einem Counter-Duett auch die Sängerqualitäten des hauptamtlichen Konzertmeisters Dmitry Sinkovsky. So angeregt ließ das Publikum die Musiker selbstverständlich nicht ziehen. Mit »Jesus bleibet meine Freude« (Andreas Scholl nun wieder solo) klang der Abend so edel aus, wie er begonnen hatte.

2. Juli 2017, Wolfram Quellmalz

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