Sonate – Trio – Oktett

Letztes Schloßkonzert beim Moritzburg Festival 2017

Der ohnehin schon intime, familiäre Charakter der Konzerte des Moritzburg Festivals erfährt immer wieder Momente einer noch stärkeren Verdichtung. Die Kirche in Steinbach (unser Bericht gestern: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2017/08/19/alpha-und-omega/) sind ein Beispiel dafür, regelmäßig gibt es auch Komponistengespräche und Portraitkonzerte vor dem eigentlichen Abendprogramm. Am gestrigen Sonnabend stellten sich Alexander Sitkovetsky und Wu Qian dem Publikum auf diese Weise vor, mit Robert Schumanns zweiter Violinsonate. Sitkovetsky, seit (oder mit) seinem ersten Besuch in Moritzburg zum Weltklasseviolinisten gereift, ist für das letzte Festivalwochenende hierher zurückgekehrt und hatte schon am Tag zuvor die Primgeigerposition in Giuseppe Verdis Streichquartett übernommen. Bei Schumann zeigte er nun, daß er über jene technische Brillanz verfügt, die Voraussetzung für eine erstklassige Darbietung ist. Doch vordergründig geriet diese Technik nie – vielmehr ließen er und Pianistin Wu Qian am wunderbaren Bösendorfer ihre Melodielinien innig verschmelzen. Anrührend, betörend war dieser Schumann, voller Innigkeit, und zeigte zwei Musiker, die sich gegenseitig begleiteten. Schön für all jene, die kurzentschlossen nach Moritzburg kamen, denn Karten für Portraitkonzerte gibt es jeweils noch an der Abendkasse, während das Abendkonzert lange ausverkauft war. Für ihre exquisite Darbietung wurden Sitkowetsky und Qian mit viel Applaus belohnt, sie bedankten sich mit dem Menuett aus Alfred Schnittkes Suite im alten Stile von 1972.

Das Abendkonzert bot dann zunächst Ludwig van Beethovens »Gassenhauer-Trio«. Wenzel Fuchs (Klarinette), Christian-Pierre La Marca (Violoncello) und Lise de la Salle (Klavier) hatten eine große Freude an diesem »rockigen« Stück. Beethoven als »dickköpfig« und »verbittert«, wie es im Programmheft stand, konnte man sich nicht vorstellen. Und doch war es nicht oberflächliche Heiterkeit oder Pop-Effekt, was dieses Trio ausmachte, sondern zunächst auch hier die technische Qualität, aus der Brillanz aufblitzen kann. Dazu kam, daß sich die drei Spieler in wenigen Tagen derart berückend gefunden hatten. Viele der treuesten Moritzburg-Besucher waren schon in der Probe am Donnerstag und hatten das gleiche Werk bereits in der Moritzburger Schloßkirche gehört. Auch da schon hatte sich gezeigt (mit Lise de la Salle am Steingraeber statt des Bösendorfers), wie gelöst die Stimmung war – sie ist es geblieben. Kommt solcher Frohsinn, solche Verbundenheit, zu Können und Verständnis hinzu, ergeben sich berauschende Momente.

Und nach der Pause – noch ein »Gassenhauer«. Denn Franz Schuberts Oktett enthält gleich mehrfach Sätze voller Melodien, die nachgesungen werden wollen, oder wenigstens in Variationen reihum gehen. Vor allem zu Beginn der einleitenden Adagio-Sätze offenbarten Alexander Sitkovetsky, Annabelle Maere (Violine), Lawrence Power (Viola), Christian-Pierre La Marca, Dominic Seldis (Kontrabaß), Wenzel Fuchs, David Seidel (Fagott) und Felix Klieser (Horn), daß Schubert sich mit dem Kammermusikstück schon weit der Sinfonik angenähert hat. Immerhin verfügt das Stück ja über einen kompletten Streicherapparat nebst Bläsern – und diese spielten formidabel auf. Schubert läßt die Soli nicht wahllos reihum gegen, sondern setzt meist Schwerpunkte, schafft Duos und Trios. Die Moritzburger Zuhörer konnten sich von seinem Ideenreichtum ebenso entzücken lassen wie von den schon orchestralen Farben. Und wer glaubte, der Baß gebe allein den Puls und nur Bläser oder Violine sich hervortun, der wurde vom superben Gesang des Cellos und der Viola eines besseren belehrt. Die Dramatik im Übergang vom Menuett, Allegretto – Trio in das abschließende Adagio molto ließen die acht Spieler zunächst düster dräuen, bevor sich alles in einer fröhlichen Landpartie entspannte.

20. August 2017, Wolfram Quellmalz

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